Institute und Wissenschaftler der KWG standen im Dienst der Kriegführung oder waren in Medizinverbrechen "verstrickt". Die Mitarbeiter des Münchner KWI für Psychiatrie schnitten zum Beispiel ermordeten Kindern in der Anstalt Eglfing-Haar massenhaft die Gehirne heraus.

Der Neuroanatom Julius Hallervorden vom KWI für Hirnforschung in Berlin hatte eine Zweigstelle in der NS-Kindermordzentrale Brandenburg-Görden (Opfer: 1264 Behinderte). Hallervorden bestellt sich Kinder-Forschungsobjekte und fährt am 28. Oktober 1940 in die nahebei gelegene Euthanasieanstalt, wo die kleinen Opfer vergast werden. Heinrich Bunke, Arzt der Vergasungsanstalt: "Ein Teil der Kinderleichen wurde von Professor Hallervorden ... seziert und zur wissenschaftlichen Auswertung mitgenommen." Hallervorden und sein Chef Hugo Spatz hatten auch Kontakt zur Kindermordzentrale in der Kanzlei des Führers.

Beide sind nach 1945 am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Gießen. Es gibt einen Hugo-Spatz-Preis der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Auch Hans Nachtsheim vom Dahlemer KWI für Anthropologie und der Butenandt-Assistent Gerhard Ruhenstroth benutzen im Herbst 1943 epileptische Kinder für einen Versuch in einer Unterdruckkammer der Luftwaffe, die zuvor im KZ Dachau eingesetzt war. Ruhenstroth, der seit den sechziger Jahren Direktor am Max-Planck-Institut für Biochemie in Planegg-Martinsried war und noch heute auf den Briefbögen des Instituts korrespondiert, hat Benno Müller-Hill vor Jahren per Anwalt belehren wollen, die Versuche hätten therapeutischen Zielen und möglicherweise dem Schutz vor Vernichtung gedient.

Die Kinder seien aus einem Waisenhaus gekommen.

Eine weitere Unwahrheit: Die Kinder kamen aus keinem Waisenhaus. Sie kamen aus der Kindermordzentrale Görden. Wer soll Butenandts Assistenten (NSDAP-Mitglied seit 1938) abnehmen, dass in der Endphase des Nazireiches die kriegswichtige, zur Luftwaffenforschung eingesetzte Unterdruckkammer ausgerechnet zur Therapie epileptischer Kinder eingesetzt wurde? Gördener Kinder waren als lebensunwert deklariert und erwarteten als "Therapie" allenfalls die tödliche Spritze. Die Rettungslegende wird kaum glaubhafter, wenn man weiß, dass Nachtsheim (von 1953 an Direktor des Max-Planck-Instituts für vergleichende Erbbiologie und Erbpathologie in Dahlem) noch 1961 im Wiedergutmachungsausschuss des Bundestags und 1962 im Fachblatt Ärztliche Mitteilungen das nationalsozialistische Sterilisierungsgesetz rechtfertigte, ein neues Gesetz forderte und für die "Ausschaltung der Erbkranken aus der Fortpflanzung" eintrat.

"Neue Forschungsmöglichkeiten" durch das Euthanasieprogramm Die Max-Planck-Gesellschaft will mit ihrem Forschungsprojekt "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus" ihre Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten. Dabei hat sie dies bereits getan: 1990 wurde unter dem Titel Forschung im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft die Geschichte der Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft auf über 1000 Seiten dargestellt. Über die Rassengesetze heißt es da: "Neben dem ,Volksganzen' kam die neue Gesetzgebung aber auch der Wissenschaft zugute. Über die bisherige Grundlagenforschung hinaus wuchsen so dem KWI für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik sowie für Psychiatrie neue Aufgaben in Lehre, Unterricht, Forschung und Gutachterwesen zu." Die Komplizenschaft noch 1990 abzufeiern zeugt von einer erbärmlichen Missachtung der Opfer. Sogar Massenmord wird zum Forschungsereignis: "Die massenhafte Tötung von Geisteskranken öffnete auch der hirnanatomischen Abteilung des KWI für Psychiatrie sowie dem KWI für Hirnforschung neue Forschungsmöglichkeiten."