Der Begriff "Erinnerung" ist wie nie zuvor zu einem Faktor öffentlicher Diskussion geworden. Gedenktage, Gedächtnisorte oder Denkmäler fungieren nicht nur als tradierte Symbole oder Rituale, sondern sind - wie die Mahnmaldebatte deutlich machte - aktueller Ausdruck eines nationalen Identifikationsprozesses. Der Umgang mit der konkreten Erinnerung an den Holocaust indes ist mühsamer, als es das standardisierte Verhältnis von Gedenken und Kulturindustrie in der offiziellen Sinnstiftung suggeriert. Man fürchtet die "Monumentalisierung der Schande", spürt Gedenküberdruss und sehnt sich nach der "Normalität" des Vergessens.

Der 90-jährige Alphons Silbermann, der - wie er einmal sagte - die deutsch-jüdische Soziologie "am eigenen Leibe erfahren" musste, hat zusammen mit seinem Mitarbeiter Manfred Stoffers das "Auschwitz-Loch" im Bewusstsein der Deutschen empirisch ausgelotet und kommentiert: Jeder fünfte Jugendliche in Deutschland (21,9 Prozent) weiß nicht, wer oder was Auschwitz ist. Mit zunehmendem Lebensalter sinkt der Anteil der völlig Ahnungslosen. Er liegt in der Gruppe der 18- bis 30-Jährigen bei 6,6 Prozent, verringert sich bei den 31- bis 50-Jährigen auf 3,5 Prozent und sinkt schließlich bei denjenigen, die zur Zeit der Gräueltaten in Auschwitz schon geboren waren, auf 2,1 Prozent.

"Insgesamt" , so die Ermittlungen der beiden Wissenschaftler, "können drei Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland (ab 14 Jahren) absolut nichts mit dem Begriff Auschwitz anfangen." Aber auch für diejenigen, die eine blasse Ahnung von Begriff und Namen haben (zumindest als Film- und Fernsehmythos) liegt Auschwitz "irgendwo im Nirgendwo". 25 Prozent der Befragten konnten oder wollten keine näheren Angaben über die geografische Lage des Tatortes machen.

Die Entrückung von Auschwitz aus der Wirklichkeit von Millionen Deutschen begann nach Ansicht von Silbermann und Stoffers bereits in den ersten Nachkriegsjahren mit jenem "Prozeß der Begriffsentleerung". Beschwörungen - wie "Auschwitz darf sich nie wiederholen" - seien mehr und mehr zum gebetsmühlenhaft-rhetorischen Kunstgriff in Sonntagsreden verkommen, um, losgelöst von Sachargumenten, Konsens und Zustimmung zu erzielen. Auch das berühmte Adorno-Verdikt ("Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch") zeigt in den Augen der Autoren ein "verquastes Pathos", das entgegen der aufklärerischen Absicht bestenfalls der Dämonisierung Vorschub geleistet habe.

Unbestreitbar ist, dass mit der zusammenfassenden Verwendung des Namens Auschwitz für einen unvorstellbaren Horror zwar die Sprachlosigkeit überwunden, zugleich das Wort aber auch salonfähig wurde. Es stimmt, "Auschwitz" geht leichter über die Lippen als "Totprügeln", "Verhungernlassen", "Exkremente fressen lassen" - und auch leichter als "Vergasung". Am Ende wurde aus der konkreten Ortsbestimmung des Massenmordes an den europäischen Juden eine multifunktional verfügbare Worthülse, die zugleich eine Ghettoisierung des Verbrechens ermöglichte. Auschwitz ist nicht Berlin oder Düsseldorf, sondern heißt eigentlich Oswiecim und liegt in Polen.

Mit der "Entfernung des Tatortes" aus der räumlichen Nähe und Realität schwinde er sowohl aus dem individuellen wie auch aus dem gesellschaftlichen "Verantwortungshorizont".

Das, was in nebelbelhafter Ferne geschehen war, hatte und hat nach Empfinden der meisten Deutschen mit ihrer normalen Lebenswirklichkeit nichts zu tun.