die zeit: Herr Röttgen, Herr Altmaier, aus dem Finanzskandal der CDU ist eine umfassende Krise der Partei geworden. Es geht jetzt um die Überwindung des Systems Kohl. Liegt in der Krise die Chance für eine grundlegende Erneuerung der Partei?

Norbert Röttgen: Ganz sicher. Aber haben wir das schon begriffen? Meines Erachtens ist noch nicht entschieden, ob die Partei sich über die Einbettung des Finanzproblems in das politische System Kohl wirklich klar werden will.

Es wäre sicherlich eine schmerzhafte Therapie, mit der sie aber ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen könnte. Am Ende stünde vielleicht eine erneuerte CDU. Die CDU war nach der verlorenen Bundestagswahl so erfolgreich, dass jeder, der diese Debatte eingefordert hätte, damit gescheitert wäre. Man hätte uns als Störenfriede betrachtet. Das System ist nicht diskutiert worden. Es lebt fort, in Mentalitäten und Personen. Das macht die Debatte jetzt besonders schwierig.

Peter Altmaier: Der Umstand, dass das Ausmaß der Affäre noch nicht sichtbar ist, erschwert natürlich die Debatte über die Konsequenzen. Aber schon jetzt kann man deutlich erkennen, dass in den vergangenen Jahren die innerparteilichen Kontrollmechanismen versagt haben, nicht nur in finanzieller, sondern auch in politischer Hinsicht. Das, was als System Kohl umschrieben wird, bezeichnet die Verarmung der internen Willensbildung und den Verlust von Verantwortung. Das ist nun aufzuarbeiten, und das wird nicht von heute auf morgen gehen. Denn unabhängig davon, ob Helmut Kohl nun präsent oder weniger präsent ist, wirken die alten Verhaltensmuster fort.

zeit: Waren nicht alle Generationen, also auch die Jungen, also auch Sie, in der Union Teil des Systems und seiner eingespielten Verfahren?

Altmaier: Das stimmt. Trotzdem gab es immer wieder auch Versuche, sich den Regeln und Vorgaben zu widersetzen. Ich denke zum Beispiel an den Versuch der Jungen Union auf einem Parteitag im Jahre 1984, die Amnestie zur Flick-Spendenaffäre zu verhindern. Mitte der neunziger Jahre wollten wir in der Partei eine breite Diskussion zum Staatsangehörigkeitsrecht und zur Ausländerintegration in Gang setzen. Aber durch das Scheitern solcher Versuche wurde der Eindruck noch verstärkt, dass es sich nicht lohnt, eigenständige Positionen zu entwickeln.

Röttgen: Man muss sehen, dass die Partei unter Helmut Kohl sechzehn Jahre lang sehr erfolgreich war. Erfolg ist ein enormer Kleister und Stabilisator für die Führung. Die Bereitschaft zu kontroversen Debatten fördert das nicht.