zeit: Ihre Sorge ist also, dass dieser Mainstream der Partei, der die ganzen Jahre Kohl getragen hat, sich heute bei einem zu frühen Parteitag aufs Neue durchsetzen würde?

Röttgen: Ja.

Altmaier: Das lässt sich am Umgang mit der Affäre ablesen. Am Anfang haben Teile der Parteiführung versucht, abzuwiegeln und die Verantwortung auf Einzelpersonen zu begrenzen. Das hat die Aufklärung behindert und den Verlust an Glaubwürdigkeit verstärkt. Viele haben lieber Heiner Geißler kritisiert, weil er bestimmte Praktiken eingeräumt hat, als dass sie diejenigen kritisiert hätten, die für diese Praktiken verantwortlich waren. Dieser Umgang mit der Krise zeigt auch die beträchtlichen Schwierigkeiten, vor denen diejenigen stehen, die heute eine wirkliche Erneuerung in Gang setzen wollen.

zeit: Verändert sich denn dieser Umgang mit der Krise? Unter dem Eindruck der öffentlichen Auftritte Helmut Kohls scheint jedenfalls die Parteispitze schon wieder vor allzu grundlegenden Konsequenzen zurückzuschrecken?

Altmaier: Ich glaube, mittlerweile ist auch an der Parteibasis die Einsicht sehr verbreitert, dass grundlegende Konsequenzen aus der Affäre notwendig sind. In dem Erneuerungsprozess, der jetzt beginnen muss, sind nicht nur die Jungen, sondern auch die gefordert, die sich schon in der Vergangenheit widersetzt haben. Jedenfalls gibt es inzwischen eine breite Veränderungserwartung. Aber diese Erwartung muss organisiert werden. Das ist keine Führungsaufgabe, die vom Präsidium und vom Vorstand wahrgenommen werden kann, sie muss aus der Breite der Partei kommen, gerade von denen, die nicht so nahe und nicht so sehr Teil des Systems Kohls waren.

zeit: Von außen betrachtet kann man sich vorstellen, dass das, was Sie Erneuerung nennen, von einem Bündnis aus unbeschädigten älteren CDU-Politikern, die im Laufe der Kohl-Jahre an den Rand geraten sind, und den Jungen eingeleitet werden könnte. So ließe sich die Radikalität des notwendigen Schnitts klarmachen.

Altmaier: Man kann sagen, dass diese Erneuerung in der Partei eine generationsübergreifende Aufgabe ist. Denn nur wenn es gelingt, große Teile der Partei mitzunehmen, wird sie eine Chance haben, mehrheitsfähig zu werden.