Röttgen: Nach meiner Einschätzung kommt auf Kurt Biedenkopf eine wichtige Rolle zu. Er ist bundespolitisch seit dem Ausscheiden aus dem Amt des Generalsekretärs 1976 ohne wirkliche aktive Rolle, gehört also nicht dem inneren Zirkel der Bundespartei an. Er hat übergreifende Autorität in der gesamten Partei, er könnte eine glaubwürdige und intellektuell begründete Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner führen. Biedenkopf personifiziert geradezu den jetzt nötigen Diskurs, er könnte den Stilwechsel deutlich machen. Damit sage ich nicht, dass er der neue Vorsitzende ist, sondern dass er jetzt eine ganz wichtige Rolle wahrnehmen könnte. Er muss sich nur entscheiden, ob und wie er sie wahrnehmen will.

zeit: Kommt sie auf jeden Fall auf ihn zu, oder könnten Sie sich das genauso unter der Schirmherrschaft Wolfgang Schäubles vorstellen?

Röttgen: Nein, ich glaube, dass Kurt Biedenkopf in unserer besonderen Situation etwas Zusätzliches einbringen würde. Diese Rolle ist additiv zu Wolfgang Schäuble.

Altmaier: Kurt Biedenkopf war Teil der Ära Kohl, aber nicht Teil des Systems Kohl. Darin liegt eine gewisse Chance, gerade auch den Teil der Partei, der unter Helmut Kohl sozialisiert worden ist, mitzunehmen in die Veränderungen, die anstehen. Und es sind ja nicht nur Veränderungen der innerparteilichen Diskussionskultur, es geht auch um die Aufarbeitung programmatischer Defizite der Union. Hier hat Kurt Biedenkopf eine Rolle und eine Verantwortung, die er ausfüllen kann, vor allen Dingen dann, wenn es zu diesem generationsübergreifenden Bündnis kommt zwischen ihm und einer jungen, unverbrauchten Generation in der CDU.

zeit: Wenn der worst case eintritt und sich die Anhängerschaft Kohls durchsetzt, sehen Sie dann die Gefahr einer Spaltung der Partei? Liegt vielleicht das Schicksal der italienischen Democrazia Cristiana für Sie in der Luft?

Röttgen: Die Rede von einer Spaltung ist nur der Versuch, die Partei zu erpressen, auf die notwendige Erneuerung zu verzichten. Das Ergebnis wäre dann nicht die Spaltung der Partei, sondern ihre Verkümmerung, eine inhaltliche, moralische, politische Verkümmerung.

Altmaier: Der CDU drohten nicht italienische Verhältnisse, sondern niederländische oder britische: Eine Partei, die sich mangels programmatischer und personeller Attraktivität über Jahre hinweg in einem Dreißig-Prozent-Ghetto einrichten muss und als politische Alternative nicht mehr wahrgenommen wird, das ist die konkrete Gefahr, die der CDU droht, wenn sie ihre Erneuerungsbereitschaft nicht unter Beweis stellt.