Der Kulturbegriff, schreibt der scharfsinnige Soziologe Dirk Baecker, funktioniere "wie ein Köder, den die moderne Gesellschaft auslegt, um auch und gerade ihre Kritiker für sich einzunehmen". Dieser Begriff setze alle Praktiken einer Gesellschaft "kontingent": Man könne es so, aber auch anders machen, wie ja der Blick auf andere Kulturen lehre. Zugleich würden unter demselben Begriff auch Werte angeboten, die versprächen, das unheimliche Schillern stillzustellen, in welches die soziale Welt gerade durch die Möglichkeit des Kulturvergleichs versetzt werde.

Der moderne Kulturbegriff entsteht also aus der intellektuellen Praxis des Vergleichens. Als Reaktion auf die Haltlosigkeit ebendieser Praxis mobilisiert der Kulturbegriff aber auch den Einwand der Unvergleichbarkeit, des Authentischen und Identischen. Relativismus und Fundamentalismus bedingen einander. Diese unwiderstehliche Zweideutigkeit des Kulturbegriffs, schreibt Baecker, "hat die Gesellschaft in die 'Katastrophe' der Beobachtung zweiter Ordnung gestürzt, ohne dass sie eine Chance hatte zu merken, wie ihr mitgespielt wurde".

Man sieht schon, dass sich hier einer zum Ziel gesetzt hat, den Kulturbegriff zu entharmlosen. Baeckers neues Buch mit dem Titel Wozu Kultur? macht neun essayistische Anläufe, dem breitgetretenen Begriff eine gewisse Schärfe zurückzugeben. In Baeckers Thesen liegt eine Provokation, aber auch eine Chance für die Kulturwissenschaften, sich über sich selbst Rechenschaft zu geben. Es scheint ja wenig aussichtsreich, sich über einen Gegenstandsbereich und einen Kanon verbindlicher Texte zu verständigen - denn es ist gerade das Versprechen des Ungefähren, das heute an dem Etikett der Kulturwissenschaft so verlockend erscheint. Wenn aber durch den gewählten Leitbegriff der Kultur eine Eingrenzung des Feldes dieser Wissenschaft(en) unmöglich wird, dann könnte es hilfreich sein, sich ebendieses Begriffs selbst einmal anzunehmen.

Man muss sich klar werden, scheint Baecker bedeuten zu wollen, dass Kultur kein "guter", sondern eher ein diabolischer Begriff ist: Er lässt sich eben nicht einschränken, schon gar nicht auf das Reich des Schönen, Guten und besonders Wertvollen.

Eine Kultur ist nach Baeckers Konzeption nicht die Summe der Werte, mit denen eine Gesellschaft ausgestattet ist, sondern "eine mitlaufende Beobachtung, die zu jedem Wert den Gegenwert bereithält. Kultur bedeutet, Gründe bereitzustellen, die es ermöglichen, das, was der eine feiert, vom anderen kritisieren zu lassen." Die Kultur, heißt es an anderer Stelle, "reproduziert sich als je aktuelle Beobachtung ausgeschlossener Möglichkeiten von Sinn".

Und wieder anders: "Kultur ist sozusagen der universell gewordene dritte Wert, das tertium datur als Einspruch gegen alles, was diese Gesellschaft in die Form des Entweder-Oder bringen zu können glaubt."

Da hallt von Ferne, aber unüberhörbar der alte Anspruch des "Kritischen" und "Subversiven" nach - aber Baecker, der Systemtheoretiker, denkt die Kultur nicht als "höhere Ebene" der Selbstreflexion, und er sieht den Künstler und den Intellektuellen auch nicht als Avantgarde, der das Fußvolk der Gesellschaft nachtrottet. Die Kultur bietet "eine Möglichkeit, innerhalb der Gesellschaft zu beobachten, als geschähe es von außerhalb". Aber diese paradoxe und exzentrische Situation macht bekanntlich leicht blind.