Céline, eine allein lebende, pensionierte Lehrerin, reagiert sofort, wenn ihre gewohnte Ordnung gestört scheint. Ihr bevorzugtes Objekt ist der Staub und ihre Lieblingswaffe der Besen. Sie weiß, dass sie es zu genau nimmt, aber sie kommt gegen ihr Sauberkeitsstreben nicht an. "Ich kann es nicht leiden, wenn Staub herumliegt. Ich finde, das zerstört das Ganze. Also kehre ich. Ich kehre zehnmal am Tag, ich kehre überall ..." Welche verborgenen Kräfte treiben Frauen täglich aufs Neue zu häuslicher Sisyphusarbeit? Woher kommen die individuellen Besessenheiten im Umgang mit staubigen Regalen, schmutzigem Geschirr und Bergen von Bügelwäsche?

Die amerikanische Urmutter des Feminismus, Betty Friedan, sah seinerzeit die weibliche Übererfüllung am heimischen Herd durch Werbung und Reklame heraufbeschworen. Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann hat eine simplere Erklärung für Aschenputtels Eifer. Hausarbeit ist seiner Meinung nach Routine, die auf raffinierte Weise in Fleisch und Blut übergeht - eine Sache von Leib und Seele, und das aus gutem Grund: "Mit Leib und Seele an eine Sache heranzugehen, bedeutet, dort, wo der Elan verloren ist, mit Hilfe einer inneren Regung und nicht aufgrund einer bewussten Entscheidung oder einer willentlichen Anstrengung zu neuem Antrieb zu finden ... Die Bewegungen des Körpers, die innere Balance zwischen Selbst und Geste sowie die Selbstvergessenheit in der Geste schalten den wachen Geist, den Fragensteller, aus. Die mentale Last wird leichter, und es kommt zu einer gesetzten Gelassenheit ... Körper, Geist und Dinge verschmelzen in der Geste."

Jean-Claude Kaufmann, Professor in Paris, gehört zur neuen Generation undogmatischer Soziologen, denen Trivialitäten wie Besen und Bügeleisen den Zugang zu theoretischen sozialwissenschaftlichen Horizonten eröffnen.

Kaufmanns Ziel, das er auch hier empirisch mit Interview und Beobachtung angeht, heißt grounded theory, also Theorie, die in Tatsachen wurzelt. Schon früher war der von Norbert Elias und dessen Theorie vom Prozess der Zivilisation beeinflusste Forscher nicht um muntere Themen verlegen. 1995 nutzte er den Umgang mit der schmutzigen Wäsche als Endoskop in das Innere von Paarbindungen. 1996 nahm er sich das Strandleben vor und wählte zum Gradmesser sozialer Kontrolle die Mode des "Oben-ohne". Sein Resümee: Selbst wenn die Hüllen fallen, hält die Zivilisation ihre Kinder fest im Griff.

Auch die lapidare Welt des Haushalts, obschon den Blicken weitgehend entzogen, ist also kein isoliertes Eiland autonomer Entscheidungen, sondern ein Ort eingefahrener Gewohnheiten. Diese Gewohnheiten sitzen nicht im Kopf, sondern im Körper. Mit seinem Körpergedächtnis überlistet der Mensch wirkungsvoll seine natürliche Lethargie gegenüber dem Chaos der Dinge. Ohne sich dessen bewusst zu werden, schafft er Tag für Tag durch ein engmaschiges Netz automatischer Gesten seine private Ordnung. Jedes Ding erhält darin seinen unverwechselbaren Platz, ob eine Tasse in den Schrank gestellt, das Handtuch an den Haken gehängt oder ein Buch ins Regal geräumt wird.

Der Reinlichkeitstanz im Haushalt ist nach wie vor Frauensache. Den Haushalt zu machen bedeute, "Familie zu konstruieren", sagt Kaufmann. Kein Wunder, dass Hausfrauen nach Möglichkeit alles selbst und allein tun. Hausarbeit zu delegieren, empfinden die meisten als problematisch, delikat und teuer. Denn die diffusen Ordnungsprinzipien des eigenen Haushalts lassen sich nur schwer vermitteln, und ungemachte Betten, chaotische Schränke und schmutzige Wäsche gelten vielen als zu intim, um sie vor fremden Augen auszubreiten.

Reinemachefrauen, Fensterputzer und Wäschereien kosten zudem Geld. Nach dem klassischen Schema aber bietet die Frau ihre Schönheit, ihre Gefühle und ihre Kompetenz im Haushalt im Austausch gegen die Stärke, die gesellschaftliche Position und das Einkommen des Mannes. Bezahlte Hilfe von außen bringt dieses fragile Gleichgewicht aus der Balance.