Die Angst vor der üblen Welt

Jean-Christophe Rufin ist dem deutschen Publikum bislang nur als Essayist bekannt. Mit Das Reich und die neuen Barbaren (erschienen 1991) lieferte der Franzose, von Haus aus Neurologe und führendes Mitglied der Médecins sans frontières, ein Patentmuster für die neue Weltordnung nach dem Mauerfall.

Rufins neuer Roman Les causes perdues (Verlorene Fälle - oder auch: Eine aussichtslose Sache) wurde im Bücherherbst 1999 wohlwollend rezensiert.

Erhöhte Aufmerksamkeit war dem Autor sicher, gelang ihm doch vor zwei Jahren mit Der Abessinier, einer dokumentarischen Romanbiografie, ein Bestseller mit über 300 000 verkauften Exemplaren. Und doch hatte Rufin jetzt Pech. Denn das Wohlwollen kam zu früh. Les causes perdues ist nichts Geringeres als der erste Desillusionsroman der French Doctors. Und Médecins sans frontières erhielt den Friedensnobelpreis erst einige Tage nach dem Rezensentenlob.

"Er wollte Gutes tun, weil ihm nichts Besseres einfiel." Vom Glanz der humanitären Hilfe lässt ein solcher Satz nichts, rein nichts übrig. Die Szene ist Eritrea, 1985. Eine Hand voll meist französischer Ärzte und Pfleger, unter ihnen der junge Grégoire, weht der Wind der Geschichte in das Städtchen Asmara und vor die Augen des Erzählers Hilarion Grigorian. "Armenier in Afrika, der dieses Jahrhundert begleitet, seit er zwei Jahre alt war, Waffenhändler in Rente, allein auf der Welt", wird Hilarion von nun an zum fürsorglichen Mentor Grégoires und zum unerbittlichen Chronisten von dessen vergeblichem Tun, der cause perdue. "Die Langeweile ist hier tödlicher als der Krieg", lautet der erste Satz in Hilarions Tagebuch und damit dieses Romans. Vier Monate später, nach der Ausweisung Grégoires durch das Militärregime, schließt es der alte Armenier resigniert: "Warum also dieses Tagebuch fortführen? Und für wen?"

Die Notärzte werden zum Spielball der äthiopischen Machthaber, ihre Hilfsaktion dient allein dazu, Tausende Menschen planmäßig von Süden nach Norden zu verschieben - genau wie 1985, als die Médecins sans frontières erkennen mussten, wie ihr Einsatz zu Deportationen missbraucht wurde. Die "humanitäre Falle" - das Wort prägte damals Rufin selbst - schnappte zu. Aus der Hilfe für die Ohnmächtigen wurde die Hilfe für die Mächtigen.

Schreiben konnte ein solches Buch wohl nur, wer dieses Dilemma am eigenen Leib erfahren hat. Grégoire, Grigorian: Rufin mag 1985 mit Grégoire, der weniger naiv als ratlos handelt, viel gemein gehabt haben

Rufin blickt 1999 auf diese Welt gewiss kaum anders als der lebenssatte Hilarion. Der Autor macht aber noch mehr sichtbar. Das Engagement von Médecins sans frontières habe etwas sehr Französisches, meinte ihr langjähriger Präsident Roni Brauman, als er vom Nobelpreis erfuhr: "zugleich universalistisch, militant und eine Spur arrogant". Wie Grégoire in Asmara.

Die Angst vor der üblen Welt

Kehrseite dieses Universalismus war in der politischen Kultur Frankreichs seit 1789 der nationale Abwehrreflex. Neben der Lust auf die ganze Welt nistet die Angst vor der üblen Welt: Wie Exportgut und Importverbot stehen beide nebeneinander. Nirgendwo in Europa wird darum über die Folgen der Globalisierung, der mondialisation, so gründlich debattiert wie bei unserem Nachbarn. Als sich in Seattle die Politiker der WTO-Länder zur großen Handelsrunde trafen, stritten die Franzosen heftig über l'exception française und offene Weltmärkte.

Dem Erfolg von Erik Izraelewicz mit seinem wunderbar flüssigen und knappen Essay Le capitalisme zinzin kam diese Konjunktur entgegen. Zwar konnte der Leitartikler von Le Monde nicht den Millionenerfolg wiederholen, wie er unlängst der Schriftstellerin Viviane Forrester mit ihrem apokalyptischen Weltbild in Der Terror der Ökonomie gelungen war. Dafür schlägt dieser Autor seine Vorläuferin durch wohltuende Sachlichkeit. Womit allerdings auch gesagt ist, dass beide sich ihren Gegenstand auf ähnliche Weise zurechtlegen. Wir und die Welt, tertium non datur. Die Welt, die "angelsächsische", ist bei Forrester böse

sie spielt bei Izraelewicz verrückt. Mit capitalisme zinzin umschreiben die Franzosen das hochspekulative Wirtschaften der Zocker, jener über Nacht neureichen Börsianer, die sich um die alten Regeln von Soll und Haben nicht groß scheren.

Das kennt man, auch aus Deutschland. Doch hat der gewandelte französische Kapitalismus seine Eigenheiten. "Frankreich ist kein Land der Kapitalisten.

Selbst unter den Bossen der Unternehmen zählt man nur wenige", notierte der große Wirtschaftshistoriker Fernand Braudel noch 1982. Damals hatte er Recht.

Seinem Land fehlte es in einer vom Staat geprägten Wirtschaft an Unternehmergeist und Kapital. Letzteres fand sich mittlerweile - bei schottischen Witwen und amerikanischen Rentnern, wie Izraelewicz süffisant anmerkt, also in den Pensionsfonds, die global investieren.

Womit die "Angelsachsen" wieder im Spiel wären, diese transatlantischen Belagerer des kleinen Gallien. Alles nur Einbildung? Nein, denn 40 Prozent der 1000 größten Unternehmen Frankreichs sind heute in ausländischer Hand - in Deutschland sind es (am Aktienstock gemessen) nur 10, im Vereinigten Königreich gerade einmal 16 Prozent. Grund zum Aufstand? Welch vergebliche Revolte gegen eine Revolution! Der Autor beschreibt diese nüchtern und zeigt auch ihre Vorzüge, von besserer Transparenz bis zur Öffnung der Bühne für neue Akteure.

Die Angst vor der üblen Welt

Und doch bringt er erst auf den letzten Seiten Europa ins Spiel, das gegen "diese Unterwerfung" helfen könne mit einem europäischen Kapitalismus - "im Dienste aller seiner Beteiligten statt allein im Solde seiner Aktionäre". Wir und die Welt, das meint erst an dieser Stelle nicht mehr nur Frankreich und den großen Rest. Ein Drittes schiebt sich in die schmale Ritze zwischen Universalismus und Nationalismus, zwischen Republik und mondialisation, zwischen die große Geste und den Kleinmut, wie sie das moderne Frankreich seit zwei Jahrhunderten unnachahmlich vorlebt.