Kehrseite dieses Universalismus war in der politischen Kultur Frankreichs seit 1789 der nationale Abwehrreflex. Neben der Lust auf die ganze Welt nistet die Angst vor der üblen Welt: Wie Exportgut und Importverbot stehen beide nebeneinander. Nirgendwo in Europa wird darum über die Folgen der Globalisierung, der mondialisation, so gründlich debattiert wie bei unserem Nachbarn. Als sich in Seattle die Politiker der WTO-Länder zur großen Handelsrunde trafen, stritten die Franzosen heftig über l'exception française und offene Weltmärkte.

Dem Erfolg von Erik Izraelewicz mit seinem wunderbar flüssigen und knappen Essay Le capitalisme zinzin kam diese Konjunktur entgegen. Zwar konnte der Leitartikler von Le Monde nicht den Millionenerfolg wiederholen, wie er unlängst der Schriftstellerin Viviane Forrester mit ihrem apokalyptischen Weltbild in Der Terror der Ökonomie gelungen war. Dafür schlägt dieser Autor seine Vorläuferin durch wohltuende Sachlichkeit. Womit allerdings auch gesagt ist, dass beide sich ihren Gegenstand auf ähnliche Weise zurechtlegen. Wir und die Welt, tertium non datur. Die Welt, die "angelsächsische", ist bei Forrester böse

sie spielt bei Izraelewicz verrückt. Mit capitalisme zinzin umschreiben die Franzosen das hochspekulative Wirtschaften der Zocker, jener über Nacht neureichen Börsianer, die sich um die alten Regeln von Soll und Haben nicht groß scheren.

Das kennt man, auch aus Deutschland. Doch hat der gewandelte französische Kapitalismus seine Eigenheiten. "Frankreich ist kein Land der Kapitalisten.

Selbst unter den Bossen der Unternehmen zählt man nur wenige", notierte der große Wirtschaftshistoriker Fernand Braudel noch 1982. Damals hatte er Recht.

Seinem Land fehlte es in einer vom Staat geprägten Wirtschaft an Unternehmergeist und Kapital. Letzteres fand sich mittlerweile - bei schottischen Witwen und amerikanischen Rentnern, wie Izraelewicz süffisant anmerkt, also in den Pensionsfonds, die global investieren.

Womit die "Angelsachsen" wieder im Spiel wären, diese transatlantischen Belagerer des kleinen Gallien. Alles nur Einbildung? Nein, denn 40 Prozent der 1000 größten Unternehmen Frankreichs sind heute in ausländischer Hand - in Deutschland sind es (am Aktienstock gemessen) nur 10, im Vereinigten Königreich gerade einmal 16 Prozent. Grund zum Aufstand? Welch vergebliche Revolte gegen eine Revolution! Der Autor beschreibt diese nüchtern und zeigt auch ihre Vorzüge, von besserer Transparenz bis zur Öffnung der Bühne für neue Akteure.