Die Klassiker aufs Altenteil!

Sehr geehrter Herr Kohl, sehr geehrter Herr Glogowski, sehr geehrter Herr Schäuble, sehr geehrter Herr Kanther, nebst all den anderen Damen und Herren, die im Laufe der kommenden Wochen noch folgen werden, ich möchte mich bei Ihnen allen dafür bedanken, dass Sie mir den altersbedingten Abschied aus meinem wirklich geliebten Beruf als Deutschlehrer an einem Gymnasium erleichtert haben.

Denn wie sollte ich meinen Schülerinnen und Schülern noch glaubwürdig vermitteln, dass Antigone, zum Beispiel, auf ihr persönliches Glück verzichtet und ihr Leben opfert, weil ihr das Gesetz der Götter mehr gilt als das der Menschen, und dass diese Haltung zumindest vorbildlich, wenn schon nicht ohne Weiteres nachahmenswert ist. Wie sollte ich ihnen die Haltung des Marquis Posa gegenüber Philipp II. von Spanien (in Schillers Don Carlos) als sinnvoll darlegen und ihnen seinen "Mannesmut vor Fürstenthronen" als erstrebenswert hinstellen können? Und wie sollte ich ihnen erklären, dass es eine tragische Ironie ist, wenn er sich am Ende selbst in Intrigen verstrickt, wo er doch vorher so vehement gegen sie zu Felde gezogen ist?

Oder was würde ich den Mitgliedern meines Leistungskurses sagen, wenn sie mich fragten, ob Iphigeniens unbedingte Wahrheitsliebe noch zeitgemäß sei, zumal sie dadurch nicht nur ihr eigenes Leben aufs Spiel setzt?

Wie könnte ich ihnen klarmachen, dass Diederich Heßling aus Heinrich Manns Roman Der Untertan als eine Karikatur anzusehen ist und nicht etwa als ein Abbild der Wirklichkeit gelten darf, dass man sich als Leser von ihm distanzieren muss und er keineswegs als eine Identifikationsfigur zu akzeptieren ist?

In dieser Weise könnte ich noch eine Weile fortfahren und eine Fülle weiterer Beispiele vortragen, die belegen, wie sehr ich angesichts der jüngsten Serie von Enthüllungen im politischen (besser: parteipolitischen) Geschehen in der BRD bei meinen Schülerinnen und Schülern in Erklärungsnot geraten würde, auch wenn ich nur das zugrunde legte, was jeweils "eingeräumt" wurde, und den Kindern und Jugendlichen darlegte, dass bis zum Beweis des Gegenteils die Unschuldsvermutung zu gelten habe, zu der ich mich im Übrigen in diesem Brief aus- und nachdrücklich bekenne.

Ein Werk der deutschen Literatur allerdings würde ich zu gerne noch einmal mit einem Deutschkurs besprechen: Heinrich von Kleists Der zerbrochene Krug.

Ohne jede Mühe könnte ich den Schülerinnen und Schülern die Finten und Lügen, die Verleumdungen und Schuldzuweisungen erläutern, die Dorfrichter Adam aufwendet, um die Wahrheit vor dem Gerichtsrat Walter zu verbergen. Doch leider, leider, wenn ich an den Letzteren denke, befallen mich schon wieder Zweifel: Könnte ich die Jugendlichen davon überzeugen, dass es ein solches Muster an Geradlinigkeit, Redlichkeit und Unbestechlichkeit wirklich gibt?

Die Klassiker aufs Altenteil!

Ich glaube, ich bleibe doch lieber Pensionär!

Mit freundlichen Grüßen

Helmut Mertens, bis zum 31. Juli 1999 Lehrer am Konrad-Adenauer-Gymnasium, Meckenheim