Mitrovica

Der Weg in das Zentrum von Mitrovica führt vorbei an einem brackigen, nach Säure stinkenden See. Das schillernde Giftwasser läuft aus einer Batterienfabrik. Quecksilber und Blei fließen auf eine Wiese. Seit den Nato-Luftangriffen ist die Fabrik geschlossen. Schon im Zweiten Weltkrieg war sie von großer Bedeutung - damals für die Wehrmacht, die hier die Batterien für ihre U-Boote herstellen ließ. Zusammen mit den Erzbergwerken bei Mitrovica, in denen Blei, Kupfer und Zink gefördert werden, mit den Gold- und Silberminen, deren Schätze schon die Römer ausbeuteten, gelten die Betriebe um die marode Batterienfabrik immer noch als die industriellen Kronjuwelen des Kosovo.

Um diesen Norden des Kosovo ging es, als im Krieg von Belgrad Teilungspläne lanciert wurden. Wenigstens das Industriegebiet hätten die Serben gern für sich behalten. Am zweitliebsten wäre es ihnen gewesen, wenn die Russen hier einen eigenen militärischen Verwaltungssektor bekommen hätten. Aus alldem wurde bekanntlich nichts. Die Jugoslawische Volksarmee konnte der KFor für Mitrovica und die vier nördlichen Bezirke des Kosovo lediglich die längsten Rückzugsfristen abtrotzen - und somit in einer knappen, aber entscheidenden Woche im Gebiet der größten Blei-, Kupfer- und Zinkvorkommen in Europa noch rasch die Verhältnisse ein wenig zugunsten der Serben gestalten.

Wer ausloten will, wie es ein gutes halbes Jahr nach der Rückkehr der geflüchteten Albaner um das Kosovo bestellt ist, wer Andeutungen sucht, was die Zukunft bringen wird, sollte in Mitrovica beginnen, denn im südlichen Kosovo zeigt sich ein trügerisches Bild. Dort staunt man über die Geschwindigkeit beim Wiederaufbau. Überall sind volle Märkte zu sehen. Obwohl die winterliche Kälte viele davon abhält, abends auf den Straßen zu spazieren, hält das Freudenfest an, das im Juni vergangenen Jahres ausbrach - in Diskos und Kneipen, in Bordellen und Spielcasinos.

Im Zentrum von Mitrovica sieht es immer noch so aus, als seien gestern erst Bomben gefallen. Und hier, in der zweitgrößten Stadt, wird sich zeigen, ob die völkerrechtlich-offizielle Fiktion von einer irgendwie zu Jugoslawien gehörenden multiethnischen Provinz doch noch Wirklichkeit werden oder ob das Kosovo ein zweigeteiltes, von der Europäischen Union finanziertes und von den Vereinten Nationen verwaltetes Protektorat bleiben wird.

Die Ortschaften unmittelbar südlich von Mitrovica sind viel schlimmer zerstört worden als andere. Jenes "militärisch-technische Abkommen", das im Frühsommer im Café Europa nahe der mazedonisch-kosovarischen Grenze ausgehandelt wurde, gab der jugoslawischen Armee und den ruchlosen serbischen Spezialeinheiten nur Stunden, um sich aus der südlichen Region zurückzuziehen, aber sechs Tage, um die nördlichen Gebiete nahe der serbischen Grenze zu verlassen. Diese nördliche Ecke des Kosovo gehörte historisch schon immer zum serbischen Kernland. Sie wurde von Tito aber der Autonomen Provinz zugeschlagen, um den Anteil der Serben an der Bevölkerung des Kosovo künstlich zu erhöhen. Sechs Tage waren eine lange Zeit: um noch ein letztes Mal zu plündern, um mit Flugabwehrkanonen Häuser zu zerschießen, um niederzubrennen, was dann noch übrig geblieben war. Im Ort Vushtri, den die Serben Vucitrn nennen, zehn Kilometer vor Mitrovica, ist kein einziges Haus intakt geblieben.

Aber auch in Mitrovica wurde eine Schneise der Zerstörung geschlagen. Sie ist ungefähr 80 Meter breit und bald einen Kilometer lang. Kein Haus, dessen Gebälk hier nicht verkohlt wäre. Selten stehen Grundmauern, nirgendwo ist ein Dach heil geblieben. Doch diesen Kahlschlag haben die Albaner angerichtet. In diesem Todesstreifen lebten Roma. Viele von ihnen wurden von den Serben für die Drecksarbeit eingesetzt, auch für Spitzeldienste. Die Rache kam unter den Augen der KFor. Seit dem Frieden im Juni müssen die Roma um ihr Leben fürchten. Genauso wie die Serben, wie mancherorts die Türken und wie die Gorani, muslimische Slawen, von denen kürzlich wieder vier in Prizren ermordet wurden.