Auf dem Kamin steht eine Uhr, es ist 17 Minuten vor eins. Aus dem Kamin kommt eine Lokomotive, weißer Dampf quillt aus dem Schornstein. Die erstochene Zeit heißt das Bild von René Magritte. Man könnte die erstochene Zeit, die sich im Deutschen lieber totschlagen lässt, im Sinne von Magrittes erstarrten Szenarien einer antipodisch aufgeladenen Welt auch eine versteinerte Zeit nennen. Denn die zielstrebig schwebende Lokomotive wird weder abstürzen noch ankommen, und die Uhr mit dem römischen Zifferblatt hat ihr high noon seit einer Dreiviertelstunde hinter sich.

Die erstochene Zeit, ein ikonografisch knappes, metaphorisch endloses Spiel der Sprüche und Widersprüche zum Thema Zeit, hängt nicht in der Eröffnungsausstellung des Centre Pompidou, die den Titel Le Temps, vite!

trägt. Das ist bedauerlich, aber die Veranstalter wollten, wie der Titel sagt, der Zeit, ihren Genossen und ihrem Geist wohl nicht so sehr hinterhersinnieren, als vielmehr, sehr zeitgemäß, der Zeit und sich selber zur Eile raten. Die Zeiten, da Eile noch Weile hatte, sind vorbei, und die Melancholie der Marschallin Fürstin Werdenberg, die manchmal mitten in der Nacht aufstand und die "Uhren alle stehen" ließ, ist fern. Die paar Millenniumsnullen aber, denen Ernst Gombrich zum vergangenen Jahreswechsel mit höflicher Entschiedenheit die höheren Weihen verweigerte und in die Niederungen des dekadischen Systems verwies, haben die Veranstalter von Le Temps, vite! so richtig zum Ticken gebracht. Wobei auch diese Metapher eher ins Zeitalter der Marschallin gehört, denn durch unsere digitalen Uhren laufen die Zahlen geräuschlos hindurch. Der Lauf der Zeit, der doch eher besinnlich klingt und abwechslungsreich sich horizontal ausdehnend, ist zum monotonen vertikalen Durchlauf geworden.

Die Zeit verweigert sich dem Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, schreibt Daniel Soutif, der für die Ausstellung verantwortliche Direktor für kulturelle Entwicklung des Centre Pompidou. Also geht man ihren Spuren nach, die sie im Alltag und in der Geschichte, zwischen Himmel und Erde hinterlassen hat und die ihrerseits die multimedialen Kräfte des Centre, die zum Grundkonzept dieses großen Warenhauses der Künste gehören, auf den Plan rufen. So gibt es in der Ausstellung von einer altägyptischen Wasseruhr aus schwarzem Basalt bis hin zu den 100 Metronomen, für die György Ligeti 1962 ein Poème symphonique komponiert hat, viel zu sehen und manches zu hören, was die Verweigerung des Sujets in den schönsten Gewinn umgemünzt hat. Vom Missbrauch später.

Rund 400 Werke bestücken einen Rundgang (der natürlich kein Rundgang ist, sondern ein Durchgang), zwölf Kapitel versammeln die Fundstücke thematisch.

Eine sortierte Kunst- und Wunder- und Banalitätenkammer, die der Besucher, der ein mit milchigen Gazewänden unterteiltes Labyrinth durchwandert, auch als einen Parcours begreifen darf, auf dem er sich zu bewähren hat. Das beginnt mit der Orientierung. In welcher Sektion er sich befindet, sieht er durch eine auf den Boden projizierte Zahl, die Exponate, die keine Beschriftung haben, tragen eine aus Sektion und fortlaufender Nummerierung zusammengesetzte Zahl, die man in einem kleinen Buch erblättern muss, es winkt der Lohn der Information, hellgrau gedruckt. Nicht sehr hilfreich, aber signifikant, sozusagen. Vom Dunkel ins Licht führt der Weg der Ausstellung, der mit capolavori der anderen Art beginnt, mit der Schrift Ars magna lucis et umbrae des großen Mathematikers, Historikers, Philologen und Kunstkammerpioniers Athanasius Kircher zum Beispiel und kostbaren kleinen Astrolabien, den frühesten Instrumenten der Sternforschung.

Er endet mit einer Arbeit von Luciano Fabro, die Il sole heißt, weißer Marmor lang am Boden, der so bearbeitet und gefügt wurde, dass er wie eine Schlangenharmonika aus Kindertagen und Bastelzeit aussieht, nur größer, schwerer, bedeutender, natürlich. Die Sonne, eine Emanation aus weißem Marmor - da war wohl an eine Apotheose gedacht. Im Zusammenhang der Kunst ist allerdings eher eine Sonnenfinsternis zu konstatieren, die sich dadurch noch intensiviert, dass man vom Eingang einen ragenden dunklen Marmor erinnert, der natürlich La luna hieß, ein Werk desselben Künstlers. Die Zeit, ein durchdachter Absturz, das soll vorkommen, kann's aber nicht gewesen sein.