Und es begab sich, dass in zwei bedeutenden Presseorganen dieses Landes gleichzeitig zur Jahrtausendwende ein und demselben Thema ein Text gewidmet wurde. Sowohl die Süddeutsche Zeitung als auch die Bunte kommentierten das verfeinerte Essen. Das nämlich ist seit geraumer Zeit den Deutschen wichtiger als Tic Tac Toe, Bimbes und BSE. Erstaunlich ist vor allem die Leidenschaft, mit der wir über verfeinertes Essen reden.

Die Süddeutsche, eingekeilt zwischen Weißwurst und Obatztem, findet das ein wenig lächerlich. Sie nennt den kulinarischen Genuss zwar die schönste Hauptsache der Welt, aber eben nicht für deren deutsche Ecke. Dort - also hier bei uns - sei das Bewusstsein fürs verfeinerte Essen auf das Stadium der Entwicklungshilfe abgesackt.

Und warum? Wegen der Kilometer von Kochbüchern in den Küchenregalen, die wie Krücken und Prothesen von unserer Behinderung beim Kochen zeugten. Es folgen sodann die patriotischen Krokodilstränen über Hobbyköche, die sich an Ravioli abmühen und nicht wissen, dass es Maultaschen gibt. (Und wenn es so wäre? Was ist an den plumpen Maultaschen, die in Süddeutschland jeder Metzger neben der Leberwurst feilhält, denn so wunderbar, dass sie mit Ravioli verglichen werden müssen?)

Man sollte meinen, die Kollegen von der SZ, die sich seit Jahrzehnten mit einem Heldenmut sondergleichen den Spaghettikochern ihrer schönen Stadt widmen, wären dabei Experten für Ravioli geworden. Ja, Pustekuchen! Sie nennen die dicken deutschen Teigkoffer in einem Atemzug mit den zarten Gebilden unserer Nachbarn und registrieren deshalb - verständlicherweise - einen kulinarischen Notstand, unter dem vor allem Münchner Spitzenrestaurants zu leiden hätten: Witzigmann, Sabitzer, Koch und Böswirth sind nur noch Legenden ... In diesem Jahr haben die Köche im Preysing-Keller und im Hilton-Grill den Löffel abgegeben.

Vielleicht sind sie nach Berlin verzogen, weil auch die Münchner Feinschmecker Neuberliner geworden sind? Nein, die SZ sieht es tragischer: Je mehr die Deutschen vom Essen reden, desto weniger begreifen sie davon.

Da ist die Bunte optimistischer. Deutschland, einig Genießerland betitelt sie einen Leserbrief des Gastronomen Hermann Bareiss. Für ihn sind mit der Jahrhundertwende goldene Zeiten angebrochen. In seinem Hotel-Restaurant in Baiersbronn-Mitteltal sind die Maultaschen von feinsten Ravioli nicht zu unterscheiden, das weiß ich aus Erfahrung.

Aber es geht hier nicht um die unterschiedliche Teigdicke gefüllter Nudeln, sondern um die Klage der Münchner Kollegen über das Verschwinden der charaktervollen (deutschen) regionalen Spezialitäten.