Den Spuren Rifa'a al-Tahtawis, des bekanntesten ägyptischen Reisenden, durch Paris zu folgen ist schwierig. Kaum etwas ist von dem Paris übrig, das der junge Gelehrte und seine Gefährten in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlebten. Das Musée de l'Homme, dessen Mumiensaal zu den Lieblingsplätzen des damals 25-jährigen Rifa'a in Paris gehörte, ist mehrfach umgezogen und hat keinerlei Ähnlichkeit mehr mit seinen Beschreibungen. Der Botanische Garten, auch hier hielt sich der Ägypter gern auf, wurde zur Weltausstellung 1900 umgestaltet. Auf den Bänken entlang der geharkten Wege sitzen heute Studenten und Sekretärinnen in der Mittagssonne und fingern fettige Pommes aus McDonald's-Tüten. Ab und zu bleibt ihr Blick an einer fremdländischen Gestalt hängen

sie gucken vielleicht einem Araber hinterher, der mit Turban und Lederschlappen vorbeieilt. Nichts Besonderes - in der Nähe liegt die älteste Pariser Moschee.

Diese gab es noch nicht zu Rifa'a al-Tahtawis Zeiten, und er hat wohl mit seinen orientalischen Gewändern für sehr viel mehr Aufsehen gesorgt. "Wir galten dortzulande als gutsituiert, ja als reich, weil wir so schöne exotische Kleidung trugen", schreibt er. Das Porträt auf dem Umschlag seines Buches mit dem Titel Die Läuterung des Goldes in einer zusammenfassenden Darstellung von Paris zeigt einen Mann mit Bart und Turban. Er schaut neugierig und ein wenig schüchtern zugleich.

"Bei allem verhielten wir uns so, wie es bei ihnen Gepflogenheit ist", beschreibt er seine Anpassung an französische Sitten, doch er wäre nicht auf die Idee gekommen, sein orientalisches Gewand gegen einen europäischen Anzug zu vertauschen oder sich gar als Einheimischer zu verkleiden, so wie es ja viele europäische Reisende im Orient getan hatten. Aber Rifa'a al-Tahtawi war auch kein Abenteurer, er hatte eine Mission. Sein Landesherr Mohammed Ali (1769 bis 1849) wollte Ägypten modernisieren und schickte Studenten nach Europa. Ihr Auftrag: alles erlernen, was für die Reform nützlich sein könnte.

So beschreibt Rifa'a, Sohn aus angesehener Familie vom Land und Dozent an der religiösen Al-Azhar-Universität in Kairo, in seinem Buch alles: vom Meridianensystem über das politische Leben bis hin zu den Heizgewohnheiten der Franzosen. Ganz besonders hatten es ihm jedoch die französischen Frauen angetan.

Männer als völlig ergebene Sklaven der Frauen

"Nun ist es Sitte bei den Frauen dieses Landes, das Gesicht, den Kopf ... sowie die Arme unbedeckt zu lassen. Auch ist es Sitte, daß das Einkaufengehen ausschließlich den Frauen vorbehalten ist. So hatten wir in den Läden, Kaffeehäusern und dergleichen Gelegenheit zu betrachten und zu beobachten, was in ihnen vorgeht." Mitleid mit den französischen Männern ist das Resultat dieser Beobachtungen. "Die Männer dort (sind) die Sklaven der Frauen, gleichgültig, ob schön oder nicht, und diesen völlig ergeben", schreibt er.