Bert Rürup ist zu weit gegangen. Der Satz mit dem Marxismus ist ihm herausgerutscht, und jetzt ist es zu spät. "Als ich Examen machte, redeten alle nur von Profiten und nicht vom Gewinn", hat der Darmstädter Finanzwissenschaftler vorhin seinen Studenten zugerufen. "Profite galten als fragwürdig und sollten deshalb hoch besteuert werden." Das sei zumindest bei marxistisch angehauchten Experten gängige Auffassung gewesen.

Eine Stunde später sitzt der Dozent im Lokal und ärgert sich. Zwar garniert der Ökonom seine Seminare gern mal mit ein paar Anekdoten, doch in diesen Tagen hat er sich eigentlich Zurückhaltung auferlegt: Zu viel wird derzeit falsch verstanden. Bloß keine Missverständnisse um politisches Profil.

Rürup, einer der angesehensten Rentenexperten des Landes, soll demnächst dem angesehenen Rat der Wirtschaftsweisen angehören, und das macht einige Kollegen offenbar nervös. Als das Handesblatt vergangenen Freitag die Personalie vorab meldete, waren die Mitglieder des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung nicht erfreut.

Bei einem Besuch in Hannover machten sie Bundeskanzler Gerhard Schröder ihre Vorbehalte klar: Der Rentenexperte sei zu spezialisiert, ein guter Fachmann, aber nicht die Idealbesetzung. Dahinter steckt die Sorge, das SPD-Mitglied Rürup stehe der Regierung womöglich allzu nahe. Schröder verwies auf seinen Finanzminister. Der soll nun mit dem Vorsitzenden Herbert Hax die Angelegenheit noch einmal bereden. Doch wanken, das macht ein Eichel-Vertrauter klar, wird die Regierung nicht. Am 9. Februar soll das Kabinett über die Personalie entscheiden, ein Vetorecht haben die Wirtschaftsweisen nicht.

Tatsächlich ist Bert Rürup ein Sonderfall in der deutschen Politik.

Vermutlich ist der frühere Leistungssportler, der vor seiner akademischen Karriere Kugelstoßen trainierte, der einflussreichste Wissenschaftler im Berliner Politikbetrieb. Ausgerechnet der Mann, der schon die Kohl-Regierung beriet, mischt heute wieder in der Sozial- und Wirtschaftspolitik kräftig mit.

Als Sachverständiger der Enquete-Kommission "Demographischer Wandel" des Bundestages beteiligte er sich zunächst an der Grundsatzdiskussion. Als Riester-Vertrauter werkelt er in diesen Tagen an den konkreten Reformkonzepten mit. Präsentiert die Regierung erste Pläne, schlüpft er wieder in eine neue Rolle: Erst versorgt er die Presse mit Daten und Argumenten, anschließend kommentiert er in Interviews und Fernseh-Talkshows Stärken und Schwächen der rot-grünen Politik.