Kaum ein Thema ist so eindeutig freudig besetzt wie der Garten, Inbegriff des Schönen und des Angenehmen, Sinnbild der höchsten aller Wonnen: des Paradieses. Die Büchermacher haben das längst erkannt und stillen die allgemein-menschliche Sehnsucht nach Arkadien, indem sie sie mit immer neuen, prächtig bebilderten Bänden nähren. Und so sind die Villengärten der Toskana, die Parks des französischen Barock und die vermeintlich naturnahen Landschaftsgärten des 18. und 19. Jahrhunderts jedem, der regelmäßig eine Buchhandlung aufsucht, fast schon so vertraut, als habe er all diese künstlichen Paradiese selbst bereist. Eines allerdings fehlte bislang: Die Gärten unseres letzten, des 20. Jahrhunderts, fand man selten beschrieben und fotografiert - eine bemerkenswerte Lücke, die Günter Mader und die Deutsche Verlags-Anstalt sich zur Jahrhundertwende vornahmen zu füllen: Gartenkunst des 20. Jahrhunderts ist ihr 260 Seiten starkes, reich bebilderten OEuvre überschrieben.

Die stiefmütterliche Behandlung dieses Themas könnte sich dadurch erklären lassen, dass die schöne Kunst des Gartenbaus noch vor der letzten Jahrhundertwende an Bedeutung verloren hatte und dabei ihr Selbstbewusstsein einbüßte, nachdem sie seit der Wiederbelebung der antiken Kultur der Villengärten im Zuge der Renaissance über zweieinhalb bewegte Jahrhunderte hinweg eine tragende Stimme im Konzert der Künste gespielt hatte. Die Parks und Gärten der Renaissance, des Barock, der Aufklärung und der Empfindsamkeit waren wohldurchdachte Gesamtkunstwerke, in denen Kunst und Natur zusammenfanden, um einem sich wandelnden Verhältnis der Menschen zur Natur bildhaft Ausdruck zu verleihen. Jeder dieser Gärten spiegelt auf seine Weise das Weltbild der Epoche wider, in der er entstanden ist. Dabei versteht er sich auch als ein ganz konkreter Vorschlag, wie es im Paradies wohl aussehen könnte.

Da irdische Paradiese von Menschen für Menschen gemacht werden, sind diese Gärten immer auch gesellschaftliche Entwürfe. Wer je in einer der schnurgeraden Alleen im Schlosspark von Versailles gestanden hat, dürfte ein für alle Mal verstanden haben, was Absolutismus heißt. Und wer durch den Münchner Englischen Garten oder durch den verzauberten Landschaftspark von Wörlitz wandelt, spürt, dass diese Anlagen in einer Zeit erdacht worden sind, in der man sich das Verhältnis zwischen Herrschern und Beherrschten anders vorstellte - und, damit einhergehend, auch das Verhältnis zwischen Mensch und Natur.

Das Bild, das der Mensch sich von der Natur machte, war lange das ureigentliche Thema der Gartenkunst. An den historischen Gärten lässt sich heute noch ablesen, wie die Natur allmählich von einer feindlich und roh anmutenden Außenwelt (die allenfalls gefiel, wenn sie zuvor zu geometrischen Figuren beschnitten und in symmetrischen Formen domestiziert war) zur schönen Landschaft wurde, die man nicht nur um ihrer selbst willen genoss, sondern auch genüsslich nachahmte und verschönerte. Als die Gärten schließlich aussahen wie die Natur selbst - nur schöner - und auch die freie Landschaft jenseits der Parkmauern wie ein großer Garten durchwandert und bebaut, verziert, reguliert und den menschlichen Bedürfnissen angepasst wurde, schien die Gartenkunst um ihr wichtigstes Thema gebracht: die schöpferische Auseinandersetzung mit der Natur.

Doch das war noch nicht alles. Das 19. Jahrhundert brachte nicht nur einen Aufschwung des Tourismus und der Landpartie mit sich, sondern auch ein explosionsartiges Wachstum der Städte. Eingepfercht in Arbeitersiedlungen und Metropolenzentren, sehnten sich stress- und lärmgeplagte Städter nach Grün - nicht unbedingt nach gartenkünstlerischer Hochkultur, sondern schlicht nach einem Raum, in dem sie atmen und sich ein bisschen frei bewegen konnten. Der Besuch im Park galt jetzt weniger einem Ausflug in die Welt der Kunst und der Philosophie als vielmehr der Gesunderhaltung und der Regeneration von Arbeitskräften. Die Idee des Volksparks löste die hoch entwickelte Parkkultur der Fürsten und Großgrundbesitzer ab (die es im 18. Jahrhundert fast zu einem eigenen Platz in der Akademie der Künste gebracht hätte).

Waren die großen Parks bislang meist auf dem Lande entstanden, so wurden sie nun zu einer Aufgabe der Stadtplanung. Der Blick aus dem Garten zielte nicht mehr auf die freie Natur, sondern in städtische Häuserfluchten. So wurden aus "Landschaftsgärtnern" schließlich "Gartenarchitekten" - ein neuer Berufsstand, dessen Anerkennung der Kölner Gartenbaudirektor Fritz Encke 1908 erstmals einforderte.

Womit wir im 20. Jahrhundert angekommen wären und damit bei der Frage: Was ist geblieben von der hoch entwickelten Gartenkultur und der überbordenden Gartenlust der vorangegangenen Jahrhunderte? Gibt es unter den veränderten Bedingungen überhaupt so etwas wie eine Gartenkunst des 20. Jahrhunderts? Was erzählen uns diese Gärten, die in den letzten Jahrzehnten in den Städten entstanden sind, über unser Bild von der Natur, vom Menschen und von der Kunst, über unseren Traum vom Paradies?

Günter Mader ist ein besonnener Mann. Und er ist ein Forscher. Forschen ist für ihn eher Sammeln als Deuten, eher Vorstellen als Erklären. Für ihn beginnt das 20. Jahrhundert im Jahr 1900 und endet 1999. Er zeigt uns die Gärten, die in dieser Zeit in Deutschland entstanden sind, aber er erzählt nicht viel über sie. Er würdigt sie, aber er befragt sie nicht. Wer schließlich wissen will, was es nun mit der Gartenkunst des 20. Jahrhunderts auf sich hat, muss schon eine gehörige Portion Vorwissen und Interpretationslust mitbringen. Dann, aber eben erst dann, entfaltet sich beim Blättern und Lesen ein spannendes Panorama, das von den Schwierigkeiten einer eigenwilligen Kunst erzählt, sich im Spannungsfeld zwischen ästhetischen Moden und gesellschaftlichen Veränderungen neu zu definieren - mit noch ungewissem Ausgang, wie es scheint.