Es ist wie beim Familienfest: Man trifft sich, um Uropas Hundertsten zu feiern, und schwelgt in Anekdoten. Dann steht einer auf und spuckt kräftig in die festtägliche Suppe: "Mal ehrlich: Uropa war ein gnadenloser Karrierist.

Opa war in der Partei. Papa hat noch an jedem Diktator ein paar gute Haare gefunden. Und überhaupt lebt die ganze Familie in einer Welt von vorgestern."

Spaß macht das niemandem, aber gemacht werden muss es.

Der Politikwissenschaftler Arthur Heinrich hat sich der undankbaren Aufgabe unterzogen und vermiest dem Deutschen Fußball-Bund die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag am 28. Januar - recht so, auch wenn einem die Lektüre glatt die Freude am Fußball vermasselt. Was ja nicht eben leicht ist. Und gerade deshalb für das Buch spricht. Heinrich erzählt nicht die üblichen Dönekes von großen Siegen und verrückten Spielern, sondern weist dem Jubilar zum ersten Mal mit solcher Gründlichkeit und Stringenz dessen politische Verstrickungen nach. Fazit: Der DFB war immer reaktionär und ist es noch, unfähig zur Selbstkritik, begnadet zur Schönrederei bis hin zur Geschichtsfälschung.

Heinrichs Vorgehen erinnert an die Spielweise des Exbundestrainers Berti "Terrier" Vogts: in den Gegner verbeißen und nicht locker lassen. Mit einer Akribie, die ganz gelegentlich etwas Redundantes hat, wird in vier Kapiteln die Entwicklung des DFB vom Außenseiterklübchen zum größten Sportverband der Welt dokumentiert. Die Blütenlese aus 100 Jahren deutscher Funktionärsprosa ist deprimierender als der schlechteste Kreisliga-Kick. Von Anfang an bemühten sich die kaisertreuen Funktionäre, aus ihrer ursprünglich ausländischen Randsportart eine nationale Angelegenheit zu machen.

"Vollständige Identifikation mit den Herrschaftsverhältnissen, dazu die aufrichtige Zustimmung zu den machtpolitischen Ambitionen des Wilhelminismus, eine rigoros nationalistische Ausrichtung und ein verbreiteter Gesinnungsmilitarismus" - so präsentiert sich der DFB bis 1918.

Daran ändert sich, so Heinrichs These, auch nach dem Ende des Kaiserreiches wenig. Das Führungspersonal bleibt erhalten, demokratische Strukturen werden bestenfalls simuliert. So entspricht die Machtergreifung der Nationalsozialisten und die Durchsetzung des Führerprinzips auch im Sport den geheimen Wünschen der Verbandsoberen. Problemlos wie einen Trikottausch vollziehen sie den Wechsel zur neuen Ideologie und bleiben im Amt. Und selbst 1945 bedeutet für den DFB keinen radikalen Einschnitt: Das langjährige NSDAP-Mitglied Peco Bauwens wird erster Nachkriegsvorsitzender. Und der wohl einflussreichste Präsident der vergangenen Jahrzehnte, Hermann Neuberger, zeigt anlässlich der WM 1978 in Argentinien unverhohlen Sympathie für die Militärdiktatur.