Die Flick-Affäre hat offenbar nicht ausgereicht, eine Praxis zu erschüttern, die wie selbstverständlich Parteipolitik mit schwarzen Kassen betrieb. Viel spricht dafür, dass die Rechtfertigung, die Kohl für seine Geldmanöver fand, exemplarische Geltung hatte. Sie liegt in einem Freund-Feind-Denken nach der Logik des Kalten Krieges. Kohls verstreute Begründungen, die Andeutung von Zwangslagen und Bedrohungen der CDU, laufen in einem Punkt zusammen: in der Abwehr der bolschewistischen Gefahr.

Was man ehedem für Wahlkampffolklore gehalten hatte, die Rote-Socken-Kampagne, der Slogan "Freiheit statt Sozialismus", war nicht die zynische Propaganda, als die man sie kritisiert hat. Helmut Kohl, große Teile seiner Partei und seiner Wähler lebten offenkundig noch bis vor kurzem in dem Gefühl jener Weltbürgerkriegsfantasie, an der die Weimarer Republik zugrunde ging und die sich in der Blockkonfrontation nach dem Kriege wiederbelebte.

Wenn es nicht bare Korruption war (wogegen manches spricht), dann war es barer Antikommunismus, der die schwarzen Konten dem Unrechtsbewusstsein entzog. Wer sich im Bürgerkrieg wähnt, handelt im Glauben an einen übergesetzlichen Notstand.

Zu Recht haben manche gesagt, dass erst 1989/90 der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen sei. Mit ähnlichem Recht ließe sich sagen, dass erst jetzt, mit der Aufdeckung der illegalen Parteienfinanzierung, der Weltbürgerkrieg aus dem politischen Bewusstsein getilgt wird. Denn erst jetzt ist die Empörung allgemein und verfängt der rechtfertigende Verweis auf die Bedrohung nicht mehr, die Helmut Kohl offenbar selbst von Sozialdemokraten verkörpert sah.

Die Erinnerung an den Kalten Krieg verblasst und mit ihr die Plausibilität eines Arguments, das schon von den Nationalsozialisten benutzt wurde. Selbst Konservativen erschien es im Zweiten Weltkrieg nur mehr als Chimäre. "Der russische Bolschewismus", so Goerdeler in einer Denkschrift an die deutsche Generalität von 1943, werde von Hitler "nur als Popanz zur Rechtfertigung verlustreicher Kriegführung und zur Aufpulverung des deutschen Spießers benutzt nach der Devise: Haltet den Dieb!"

Die Aufpulverung des deutschen Spießers mithilfe der bolschewistischen Gefahr blieb, selbst in der friedlichen Nachkriegsrepublik, als Wahlkampftaktik der CDU erhalten. Sie hatte ihre Entsprechung in dem linken Verdacht, der überall das Zusammenwirken von Kapital und finsteren Mächten der Vergangenheit sah.

Der Schaden der gegenwärtigen Affäre besteht darin, dass er solchem Verdacht neue Nahrung geben könnte. Aber sein Gegenstück, das wahnhafte Konstrukt einer linken Weltverschwörung, ist in der Berliner Republik endlich zusammengebrochen.