In der Neujahrsnacht bereitete Boris Jelzin seinen Landsleuten ein Geschenk: Er verkündete seinen Rücktritt und tat dies würdig, indem er sich für seine Fehler entschuldigte. Allerdings führte er sie naiv auf seine eigene Naivität zurück. Als ich sein aufgedunsenes Gesicht sah, dachte ich, dass die Macht in Russland jeden Regenten in die typische Idiotenmaske mit Breschnewschen Zügen verwandelt.

Im Grunde ist das der lokale Typus des Vaters der Nation, der diesmal seine Amtszeit mit der sentimentalen Anrede Meine Lieben beendete. Das Elend Jelzins bestand nicht in seiner Naivität, sondern in seiner Borniertheit. Wie Gorbatschow verstand er nicht, in welchen Abgrund der Kommunismus Russland gestoßen hatte, und hoffte, schnell da wieder herauszukommen. Stattdessen bekamen wir einen Banditenkapitalismus und den Krieg in Tschetschenien.

Es hätte schlimmer sein können: Die kommunistische Revanche ging dank des Präsidenten nicht durch. Es hätte besser sein können: Der politische Übermut Jelzins während des Putsches von 1991 löste sich in tausend widersprüchliche Erlasse auf. Er war kein großer Mann. Er war lediglich kein übler Kerl.

Jelzin hat uns Wladimir Putin hinterlassen, den Mann mit dem kleinen Fuchsgesicht eines ehemaligen KGBlers, der sich hochgedient hatte. Jetzt möchte sich die Mehrheit der Russen dieses Fuchsgesicht als menschliches Gesicht vorstellen und in ihn die Hoffnung für die Zukunft setzen.

Die Russen haben ein weiteres Mal gezeigt, dass sie gefährlich leichtgläubig sind. Noch vor einem Jahr kam Putin in der großen Politik überhaupt nicht vor, und im Moment besteht keine Möglichkeit, seine weitere Flugbahn zu bestimmen. Umso weniger, als seine Macht - falls er Präsident wird - laut Verfassung beinahe grenzenlos sein wird. Klar ist nur eines: Das traditionelle Bild des Vaters der Nation passt nicht zu ihm. Ob er eher zur Maske Clinton oder zur Maske Ghaddafi neigt, wird sich erst nach den Präsidentschaftswahlen zeigen.

ÜBERSETZUNG BEATE RAUSCH FOTO DETLEV STEINBERG Viktor Jerofejew schreibt jede Woche aus Moskau. Zuletzt ist im Aufbau-Verlag sein Buch Fluß erschienen, das er zusammen mit Gabriele Riedle verfasst hat.