Wenn die Kinderchen darangehen, in ihrem Malkasten "Zwischentöne" zu mischen, gleicht das Resultat nicht selten einer halb verdauten Spinatmahlzeit: matschige Farben mit leichtem Stich ins Grünlich-Braune. In gewisser Weise ähnlich klingen Stücke, in denen die gute alte Harmonielehre durch "Mikrotöne" angereichert wird. Mikrotöne? Ein schlecht gewählter Ausdruck für Tonabstände, die kleiner als ein Halbton sind, der, wie einst das Atom, die längste Zeit der Musikgeschichte als unteilbar galt.

Dass mit einem geschickt gewählten System die Mikrotöne nicht unbedingt eine trübe Brühe entstehen lassen, sondern im Gegenteil leuchtende Farben zaubern können, stellt Georg Friedrich Haas, 1953 in Graz geboren, unter Beweis. Für sein 1. Streichquartett (1997) lässt er die 16 Saiten der Instrumente durch Stimmtöne von einer CD nach einem genauen Plan mikrotonal "verstimmen". Der Zusammenklang zeigt das allseits bekannte Klangbild "Streichquartett" in neuem Licht, prägt einen sphärischen und zugleich unwirklich schimmernden Charakter aus.

Die Streicher des Klangforums Wien spielten das Quartett für ihre Porträt-CD von Georg Friedrich Haas (ORF CD194, Hörsturz Medienversand, Fax 08122-963882) ein, legen mit traumwandlerischer Intonation das Stück auf luzide Leuchtkraft hin an und lassen es wie ein helles, freundliches Aquarell wirken.

Während Haas in seinem Streichquartett Farbflächen auszieht, spinnt er in seinem Stück für zehn Instrumente ... Einklang freier Wesen ... (1996) mikrotonal gestufte Linien aus. Eine Besonderheit der Komposition ist, dass jede Stimme auch als Solostück gespielt oder mit anderen zu beliebigen Besetzungen kombiniert werden kann. In solchem Fall ändert sich der Titel und heißt dann sinnigerweise: ... aus freier Lust ... verbunden ...

Gegenüber älteren Formen der Polyphonie, in denen die Stimmen wie Puzzlesteinchen ineinander gesteckt sind, ordnet Haas die musikalischen Fäden so an, dass das Stimmgewebe überraschende Muster aufscheinen lässt - abhängig von Zahl und Art der beteiligten Klangwesen.

Der Titel ... Einklang freier Wesen ... ist eine Zeile Hölderlins - dem Hyperion entnommen -, mit der eine Idealgesellschaft angesprochen ist, in der nicht Individuen losgelöst durcheinander wimmeln, sondern selbstständig und zugleich gemäß einem übergeordneten Miteinander handeln. Politisch-praktisch gesehen, ist das natürlich Traumtänzerei, aber in der Musik immerhin darstellbar. Sollte die Musik hier wieder einmal, wie schon früher geargwöhnt, der reale Ort der Utopie sein?