Die Berliner Schlossdebatte war immer nur Simultanveranstaltung hoch erregter Monologe. Aber nun liegt Entscheidungsdruck in der Luft. Letzten Mittwoch konstatierten Eberhard Diepgen und Gerhard Schröder gemeinsam, dass der "Schlossplatz eine Wunde" sei, "die jetzt geheilt werden muss". Noch bevor der Wunden-Imperativ staatspolitisch anerkannt wurde, war schon an allen Monologfronten Bewegung. Eine beschleunigte Kreisbewegung um die eigenen zehnjährigen Standpunkte! Die Lobbyisten der Architekturmoderne feuern wieder aus der Schanze der Authentizität. Gegen den Wiederaufbau des Schlosses beschwören sie wie immer die moralische Sauberkeit des "unwiederbringlich".

Die Bruderschaft der "behutsamen Stadterneuerung" der einstigen IBA-Alt in Kreuzberg ist nun auch mit ihrer "Basis" im Zentrum angekommen. Ihr Herold, der Sanierungsexperte Hardt-Walther Hämer fordert "ein Bündnis gegen undemokratisches Vorgehen am Schlossplatz". Und natürlich gibt es die diffuse Nutzungsfraktion, die die Gestaltung des Schlossplatzes erst für realisierbar hält, wenn die Nutzermischung stimmt.

Die PDS hat verstanden, dass das Argument der Nutzung eine gute Waffe ist.

Sie verlässt sich nicht mehr allein auf die Beschwörung des Palastes der Republik als zementierten Nachweis, dass nicht alles schlecht war in der DDR.

Das "Haus der Kulturen der Welt" soll in den Palast und auf den Schlossplatz, eine Messe aller moralisch hochwertigen Institutionen. Auf "mehreren Baufeldern" sollen ein Haus für Nichtregierungsinstitutionen, eine Bibliothek, ein Medienhaus, Besucherzentren et cetera entstehen, die "eine städtebauliche Annäherung an die frühere Kubatur des Schlosses erlauben"! Und das Schloss selbst? PDS-Bezirksstadtrat Thomas Flierl schlägt vor, "den Verlust durch erinnernde Trauerarbeit anzunehmen". Im historischen Zentrum soll der Berliner also Erinnerungsarbeit ableisten! Und was bieten Bund und das Land Berlin? Eine internationale Expertenkommission! Es ist trostlos.

Auch aus der Erschöpfung der Monologe kommt Entscheidungsdruck. Aber es wird keine Entscheidung geben, die nicht von dem einzig zwingenden Motiv getragen wird - Günter de Bruyn hat es genannt: "Die Wiedergutmachung eines Frevels."

Der Abriss des Schlosses durch Ulbricht und auch der Bau des Palastes waren ein Akt der Unterwerfung der Stadt unter den Staat. So muss sich die Stadt wieder den städtischen Ort aneignen. Vielleicht lässt man sich Zeit, damit es schneller geht und rekonstruiert erst einmal den Kontext. Der erste Schritt wäre die Versetzung des Neptunbrunnens an den angestammten Platz vor die Südfassade. Auch könnte Berlin sichten, sammeln und ausgraben, was an Bruchstücken, an Schlosserbe noch vorhanden ist. Ein Lapidarium auf dem wüsten Schlossplatz würde manche ideologische Verstrickung überflüssig machen. Eines aber ist jetzt schon klar: Die Entscheidung vom Votum einer internationalen Expertengruppe abhängig zu machen, ist eine unnötige Selbstdemütigung Berlins.