Gefängnis des Gedichts. Wer nicht den Mut hat, sich der Verführung/Vergewaltigung von acht, zehn, zwölf Versen in immer wieder neuem Lesen auszuliefern, wird nie etwas verstehen von dem, was Lyrik heißt. Ist es denn schlimm, dass man bei erstem Lesen oft wenig "versteht", aber doch den Rhythmus, den Sound mitkriegt, eine Klangmelodie, über die der "Sinn" vielleicht eher zu verstehen ist als über rationales Fuß-Noten-Gewerk, das ebenso wichtig ist?

Was soll der Hörer/mögliche Käufer denken, da Gedichte in Hörbuch-Produktionen fast nie mehr "rein", asketisch, auf ihren Wortklang konzentriert vorgestellt werden, sondern immer mit dem "Mehrwert" von Schrummel-Musik oder einem Hintergrund-Summ-Summ, der einen schon im Flugzeug dazu quälen könnte, den Kapitän und die netten Stewardessen über die Rutsche nach draußen zu befördern?

Das war mal anders. Als Jazz noch eine Musik- und Lebensform war, die nicht nur von den marschvernarrten Altnazis bekämpft, sondern auch von den Jungen geliebt wurde, da hat der nach dem Krieg 23-jährige Musiker Joachim Ernst Berendt im Südwestfunk Baden-Baden eine Jazz-Sendung aufgebaut, wie sie bis dahin in Deutschland unbekannt war.

Joachim Ernst Berendt hat den deutschen Hörern die Ohren geöffnet, die bis dahin von Nazi-Schrott oder einschmeichelndem Swing verklebt waren. Jazz pur!

Das wollten damals alle hören, die bis daher dem Jazz allenfalls heimlich unter der Wolldecke im "Feindsender" gelauscht hatten. Berendts Jazzbuch (1953), man kann es sich heute kaum noch vorstellen, war eine Fibel der Aufklärung, die (auch!) die Demokratie in unserem für "große" Männer (Bismarck, Adenauer, Kohl, Schäuble) so anfälligen Ländchen gefestigt hat.

Lyrik und Jazz heißt eine Sonderreihe, die Joachim Ernst Berendt schon in den fünfziger Jahren im Südwestfunk in Baden-Baden - mit großem Erfolg - gewagt hat. Damals beginnt, noch vor der amerikanischen Serie Jazz and Poetry, die Geschichte der Sprechplatten in Deutschland: Benn - zur Musik von Dave Brubeck und Miles Davis - das war der Anfang: "Nihilismus und Musik", wie es bei Benn heißt. Auch Thomas Mann denkt in Briefen nach über die Kombination von Wort und Musik, und der damalige Rundfunkredakteur und künftige Romancier Alfred Andersch ergründet die "neue Kunstform". Berendt holt, damals nicht ohne Risiko, polnische Lyriker ins Programm.

Und doch erschrickt man bei der neuen CD des Altmeisters, der sich von der Musik weit vorwagt in Meditation und Glaubenswelten, wie er es in seinem jüngsten Buch dokumentiert: "Es gibt keinen Weg. Nur gehen. SEIN in der Natur" (Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1999