Wie das so ist mit den wirklich kostbaren Schätzen - man kommt nur schwer an sie ran. Diamanten zum Beispiel, echter kanadischer Wildlachs, ein Sechser im Lotto. Selbst manche Perle deutscher Prosa geht dem Literaturfreund schlichtweg durch die Lappen, da hilft nicht mal das Internet.

Ein gutes Beispiel, für das sich ein kräftiger Schlag auf die Reklamepauke zweifellos gelohnt hätte, stellt die bereits 1997 erschienene Studie über ein unbekanntes Volk dar, Überschrift: Die Marschmenschen. So musste viel wertvolle Zeit vergehen, bis dieses tadellose Druckerzeugnis endlich die ihm zustehende Würdigung erfahren kann. Doch besser spät als nie, wird sich der Hobbyethnologe sagen, der ja bereits seit Ewigkeiten auf das ultimative Werk über den holsteinischen Aborigine wartet.

Watt hebb wi lacht, um im Jargon zu bleiben. Denn der hier vortrefflich porträtierte Plattländler redet genau so, wie die von ihm bewohnte Gegend aussieht, baut traditionell Kohl an und bestreitet Diskussionen ausschließlich mit den eigenen Wortkreationen "Dattgeihtlos" oder "Danichführ" sowie, wenn's unbedingt sein muss, weiteren "etwa 15 allgemein gültigen Floskeln".

Die Seltsamkeiten der Siedler in einem extremen Lebensraum - penibel recherchiert und für den Laien verständlich wiedergegeben von einem mutigen Mann, der sich praktisch für nichts zu schade war. Er hat das Nationalgetränk (Marschensprache: Beer) im Selbstversuch getestet, sich in den typischen Stammesfestzelten herumgetrieben und sogar, wenngleich unter Magendrücken, das Thema Ernährung angeschnitten. Ein düsteres Kapitel, da diese norddeutsche Spezies nur wenige Varianten der Speisenzubereitung kennt: erstens die Saure, zweitens die Nichtsaure.

Das ist überhaupt nicht lustig, jedenfalls nicht für den lukullisch anspruchsvollen Fremden, der in den verstreut herumliegenden Karawansereien der Region das Zeug schließlich serviert bekommt. Doch aus sicherer Entfernung kann man sich leicht einen högen (Hochdeutsch: amüsieren) über die Macken der Marschmenschen.

Eine Minderheit mitten unter uns, geschützt nur durch Deiche und Entwässerungsgräben. Zu wenig in Zeiten ungezügelter Reiselust, schwant letztlich sogar dem Forscher: "Und der Name der Apokalypse wird sein - Der Tagestourismus!"