Johannes Rau ist unsicher. Früher, als er noch auf seinem eigenen Hof in Nordrhein-Westfalen Politik machte, ließ sich an seiner Selbstdarstellung nichts aussetzen. Sie war bühnenreif. Heute, im Berliner Schloss Bellevue, hat er sich die Rolle, die er so leidenschaftlich anstrebte, auch nach sieben Monaten noch nicht wirklich anverwandelt. Er grübelt über seine Stellung, aber er füllt sie noch nicht aus. Er weiß das, und es macht ihm Sorgen.

Besser als das, was er will, weiß er derzeit, was er auf keinen Fall will. Er mag sich nicht "inszenieren", sagt er und denkt dabei an seinen Vorgänger Roman Herzog. Um dem Volk das "Leben unter Innovationszwang" beizubiegen, hielt Herzog seine berühmte "Ruck-Rede". Rau bekam damals das Manuskript zugesandt und nahm sich vor, den Text gründlich zu studieren. Doch mehrere hundert andere Würdenträger erhielten die Rede auch, und Rau war verschnupft.

Aber wieso denn? War das nicht Politik unter den Bedingungen der Mediendemokratie? Mag sein, aber dieses Marketing ist nicht seine Art.

Wahrscheinlich war es die Methodik der Mediennutzung, die er zu griffsicher fand. Andererseits ist ihm durchaus an Breitenwirkung gelegen

seit der Amtsübernahme hielt er über 40 Reden, zitiert wurden die wenigsten. Das kränkt ihn. Dieses Einerseits-Andererseits hat ihn sein Leben lang begleitet, es ist wie ein politisches Leitmotiv.

In Nordrhein-Westfalen war die Volksnähe sein Erfolgsgeheimnis. Mit seinem Talent, Menschen zu gewinnen, sammelte er in über 40 Jahren ein politisches Vertrauenskapital, das ihn in den achtziger Jahren zum beliebtesten Sozialdemokraten werden ließ und bis zur Kanzlerkandidatur (l987) trug. Als sich am vergangenen Montag in der Bonner Villa Hammerschmidt, immer noch der zweite Dienstsitz des Bundespräsidenten, die traurigen Reste der alten Bundeshauptstadt versammelten, weil Johannes Rau ein Buch über Gustav Heinemann vorstellte, war noch ein Abglanz des alten Zaubers zu spüren.

"Werner", stellte sich ihm ein Gast vor. "Bernd Werner", ergänzte der Bundespräsident. Er hatte ihn wiedererkannt. Der Angesprochene freute sich, die Umstehenden staunten über die von Rau vermittelte Nähe genauso wie über sein phänomenales Gedächtnis und erzählten es weiter.