Gutendorf bei Weimar

Anfang Februar 1999 druckten die beiden in Weimar erscheinenden Lokalzeitungen eine ungewöhnliche Anzeige. "Vor einem Monat wurde Robert erschossen. Seine Freunde in Schmerz und Zorn. Wir warten." Seitdem erscheint der Text an jedem Monatsanfang - zuletzt am 3. Januar dieses Jahres. Da war Robert Hille genau ein Jahr tot. Den Jungen aus Gutendorf, einem hübsch gelegenen Dorf südwestlich von Weimar, hatte in den ersten Minuten des Jahres 1999 eine Pistolenkugel in den Kopf getroffen. Aus Übermut abgefeuert von einem Mann, der mit am Tisch in der Dorfschänke gesessen hatte, wo die Gutendorfer gemeinsam feierten und auf ein gesundes neues Jahr anstießen. Als kurz nach Mitternacht die ersten Böller krachten, holte der Jäger Horst M., 58, seine 7,65er Browning heraus. Er schoss mit der Pistole mehrmals in die Luft und drückte die Waffe dann Karsten R., 41, in die Hand. Der lud nach und ballerte auf die gegenüberliegende Straßenseite. Robert, der zufällig mit einem Freund vorbeilief, hatte keine Chance, den Kugeln auszuweichen. Er starb zwei Tage später, gerade 15 Jahre alt.

Der Schütze und der Besitzer der Waffe wurden vom Amtsgericht Weimar im September wegen fahrlässiger Tötung und Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt: vier Jahre Freiheitsentzug für den Schützen, zweieinhalb für den Waffenbesitzer. Mit der Vierjahresstrafe sei das Amtsgericht bis an die Höchstgrenze dessen gegangen, was in der ersten Instanz möglich ist, sagt ein Sprecher des Landgerichtes Erfurt, bei dem der Fall jetzt liegt. Denn beide Männer haben Berufung gegen das Urteil eingelegt. Die des Waffenbesitzers richtet sich gegen das Strafmaß. Der Schütze akzeptiert weder die Höhe der Strafe noch den Grund der Verurteilung. Roberts Eltern, sein jüngerer Bruder, die Freunde können es nicht fassen, und es tröstet sie wenig, dass auch die Staatsanwaltschaft in Berufung ging - ihr ist das Strafmaß zu niedrig. Mit einem Verhandlungstermin vor dem Landgericht Erfurt ist nicht vor März zu rechnen. Die beiden Männer sind auf freiem Fuß.

Eine Konsequenz hat das nicht rechtskräftige Amtsgerichtsurteil: Der Anzeigentext klagt Schützen und Waffenbesitzer nun unverhohlen an, sich nicht zu ihrer Schuld zu bekennen. In gleichbleibendem Druckformat Monat für Monat.

Auch wenn die Täter nicht mit Namen genannt werden - in einem Dorf, in dem jeder jeden kennt, im überschaubaren Landkreis Weimarer Land bleiben sie nicht anonym. So hat Gutendorf mehr verloren als einen 15-jährigen Jungen, der aus der Schule gute Zensuren mit nach Hause brachte, ein ganz passabler Fußballer war und die Nachbarn auf der Straße stets höflich grüßte.

"Seit Neujahr 1999 gehen in Gutendorf die Rollläden wieder runter." Justus Lencer, der von 1963 bis zu seiner Pensionierung im Herbst 1998 Seelenhirte der Gutendorfer Kirchgänger war, hat den Ort noch als ein bescheidenes Dorf hinterm Berg erlebt. Schlechter Boden, keine Verkehrsanbindung - erst in den siebziger Jahren wurde die Straße in die Landeshauptstadt Erfurt geteert. Die Leute hielten zusammen, sie waren aufeinander angewiesen. Heiraten untereinander waren nichts Ungewöhnliches, Familien mit 18 Kindern nicht weiter bemerkenswert. Der Wohlstand kam in den siebziger Jahren mit der LPG, der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Justus Lencer fiel auf, "dass die Häuser plötzlich größer und schöner, aber die Türen und die Leute immer verschlossener wurden". Damals bekam Horst M., einer der beiden Angeklagten, seine erste scharfe Waffe. Eine Pistole. Als Kraftfahrer für einen LPG-Vorsitzenden im Kreis Weimar, der Mitglied des SED-Zentralkomitees war und damit von gewisser lokaler Prominenz, war M. dazu berechtigt. Und soll sich, so munkelt man im Dorf, mit der Pistole gebrüstet haben - vornehmlich dann, wenn er einen über den Durst getrunken hatte. Karsten R., der zweite Angeklagte, gehörte zu den Unauffälligen, die Pfarrer Lencer taufte und konfirmierte, mit denen er in die Ferien fuhr und die dann irgendwann, als ihnen nach der Wende die Kirchensteuer zu viel wurde, aus der Kirche austraten.

Bleierne Stille liegt über dem Ort