Heute wird an dem Ort in der Berliner Mitte, wo dereinst das Denkmal für die ermordeten Juden stehen soll, eine merkwürdige kleine Zeremonie stattfinden. Der Ritus wird nicht auf die vertrauten Gesten der "Grundsteinlegung" oder des "Spatenstichs" zurückgreifen können. Dazu ist das Datum des tatsächlichen Baubeginns unterdessen zu ferne gerückt - womöglich wird, wie es neuerdings heißt, bis dahin noch ein ganzes Jahr ins Land gehen.

Nun soll also lediglich eine Tafel enthüllt werden, die künftige Passanten darüber aufklärt, dass die Bundesrepublik Deutschland in absehbarer Zeit an dieser Stelle ein Denkmal zu errichten gedenkt. Es handelt sich also gewissermaßen um einen symbolischen Akt, der die Funktion hat, einen anderen, zurzeit nicht möglichen symbolischen Akt zu vertreten - politische Symbolik zweiter Ordnung. Bis zur letzten Woche hieß es, weder der Bundeskanzler noch der Berliner Bürgermeister würden an diesem eigenartigen Happening teilnehmen.

Der Bundeskanzler hat sich schließlich doch noch entschieden zu kommen. So scheint vorerst die Gefahr gebannt, dass ausgerechnet am heutigen Gedenktag zur Befreiung des Lagers Auschwitz der Eindruck entsteht, das Denkmal werde hierzulande - ungeachtet des Bundestagsbeschlusses vom letzten Sommer - selbst von den höchsten Repräsentanten im Grunde doch nicht gewollt. Eberhard Diepgen hingegen bleibt der Zeremonie fern. Zur Begründung gab er zunächst kund, er habe am Tage "wichtigere Termine". Im Abgeordnetenhaus bedrängt, ließ er am Ende durchblicken, er könne sich nicht zumuten, dass "ich zu einem symbolischen Akt gehe und eine Entscheidung lobe, die ich so nicht getroffen hätte". Der Bürgermeister irrt: Niemand verlangt nach seinem Lob. Ein wenig Respekt vor dem Parlament, das mit seiner Mehrheit den Bau des Denkmals beschlossen hat, würde völlig ausreichen. Diepgen verweist stattdessen gerne auf die Mehrheit der Berliner, die er hinter sich glaubt.

Es sagt viel über die Krise der CDU, dass Eberhard Diepgen just in dem Moment als Kandidat für die Schäuble-Nachfolge gehandelt wurde, in dem er wieder einmal auf bewährt verdruckste und zugleich berechnende Weise das Ressentiment derjenigen bediente, die das Denkmal als Anschlag auf die Ehre ihrer Stadt empfinden. Es ist naiv, den Bürgermeister der deutschen Hauptstadt mit Hinweisen auf die fatale Außenwirkung seines Verhaltens beeindrucken zu wollen, wie es Kollegen im Senat versucht haben. Die Schlagzeile der Herald Tribune vom letzten Dienstag - Berliner Bürgermeister will Holocaust-Zeremonie schneiden - war nicht Nebenfolge, sondern Ziel der Aktion. Die späte Kühnheit ist ja fast umsonst zu haben, denn sie wird wohl folgenlos bleiben. Das Denkmal wird - wann auch immer - gebaut werden, Diepgen kann am Ende nicht als Verhinderer dastehen.

Es fällt schwer, wo in diesen Tagen vom Gedenken an die Massenvernichtung die Rede ist, nicht auch an die imaginären "Vermächtnisse" zu denken, die Prinz Wittgenstein sich hat einfallen lassen, um das Schwarzgeld der hessischen CDU reinzuwaschen. Man verfehlt den geschichtspolitischen Glutkern der Fiktion von den edlen jüdischen Spendern, wenn man sie nur im Hinblick auf ihre strategische, weißwaschende Funktion betrachtet. Man muss vielmehr das Groteske und Überschießende an dieser Verschleierungsaktion zur Kenntnis nehmen, die ja geradezu danach schreit, aufgedeckt zu werden. Ein treffender Aphorismus besagt, die Deutschen könnten den Juden Auschwitz nie verzeihen.

Die Wittgensteinsche Fantasie von den emigrierten Juden, die durch ihre Vermächtnisse Wiedergutmachung dafür leisten, dass sie uns durch ihr Davonkommen so lange auf der Seele gelegen haben, und die verdruckste Rebellion des Berliner Bürgermeisters gegen die Verwandlung seiner Stadt in eine "Hauptstadt der Reue" (Diepgen) wären zwei neuere Belege für die ungebrochene psychologische Wahrheit dieses bösen Satzes.