Mit Dröhnen und Schnaufen kündigten die Automobile, die "Benzin-Einspänner", noch vor Ablauf des 19. Jahrhunderts das kommende an. In großen Rennen, wie 1898 von Paris nach Amsterdam und zurück, bewiesen die vitalen Fahrmaschinen erstmals Kraft und Ausdauer. James Joyce erblickte sie, als sie auf Dublin zuhielten. "Und wie flüssig sie fuhren! Und wie stilvoll sie mit Höchstgeschwindigkeit durch die Straßen brausten!" Die Futuristen fielen auf die Knie und huldigten dem Organ der neuen Beweglichkeit, dem Dämon der Geschwindigkeit. Am Steuer saßen nicht nur wüste Tempomacher. Auch Reisende bestiegen das Gefährt, Erkunder der Landschaft.

Befreit vom Zwang der Schiene, schaukelten sie im neuen "Vehikel des Wissens" von Ort zu Ort, von Apotheke zu Apotheke: Benzin, bitte. Otto Julius Bierbaum beschrieb schon 1903 Eine empfindsame Reise im Automobil von Berlin nach Sorrento. Er schwärmte: "Der Wert des Autos ist Freiheit, Aufmerksamkeit, Selbstdisziplin, Vergnügen. In ihm erwacht der Geist der Kutsche zu neuem Leben." Doch irgendwann überließ sich selbst der empfindsame Bildungsreisende aus Berlin ganz dem freien Lauf der acht Pferdestärken seines Adler-Phaiton: "Er dachte an nichts, empfand nichts, außer jener enormen Wollust, auf den Rädern fast zu fliegen."

Reisehistoriker Attilio Brilli plaudert aus dem Handschuhfach. Aus Romanen, Erzählungen, Reiseberichten, Gedichten, Aufsätzen präsentiert er eine überreiche Sammlung von Zitaten. Untermischt mit anregenden Analysen entsteht ein historisches Kaleidoskop vom Menschen im Auto: Posen, Düfte, Allmachtsfantasien. Der literarische Querschnitt zeigt, wie vehement die Maschine in immer neuen Metaphern verarbeitet sein wollte. Den einen war sie die "serienmäßig hergestellte Badewanne auf vier Rädern" oder der "stehende Unterschlupf", andere beschwärmten die "schöne, erhabene Furie aus Metall".

Zwischen dem Erhabenen und dem Lächerlichen lag oft nur ein Zündfunke: Die selbst fahrenden Kutschen krachten, bockten, rülpsten. Die Panne gab der Reise den "Kitzel des Unvorhersehbaren" und würzte das Tempo durch erzwungene Muße.

Brillis Sammlung verdeutlicht, wie sehr die frühe Autoreise den Weg zum Ziel machte. Was sie erfuhren, hielten einige der Automobilisten in "Logbüchern" fest: "Den Hund von Sir Thomas überfahren und verletzt. Es ist seine Schuld, denn er ist stocktaub." Sie waren berüchtigt als "Staub-Schurken", die die Pferde scheuen ließen, wurden aber ebenso als Pioniere bewundert. Gegen die Rabauken mit dem Bleifuß stand wiederum die Fraktion der Feinfühligen, der gleitenden Genießer, die ein "fast körperlich spürbares Gefühl" für die Landschaft erlebten, Romantiker am Volant, deren Windschutzscheibe der Leinwand des Kinos ähnelte. "Die Geschwindigkeit des Fahrzeugs verleiht der Landschaft eine ganz besondere, geheimnisvolle Vitalität, sie macht aus Bäumen, Häusern und Kirchtürmen Fabelwesen."

Beifahrer wie Proust, Pirandello, Gadda, Cortázar, Kerouac oder Fellini machen die Lektüre vollends zum Genuss. Und heute? Fahrten ins Fiasko? Brilli sucht nach einer "rituellen Einstellung" zum Auto, außerhalb von Hast und Gewohnheit, um die "subtile Verzauberung" der Frühzeit zu retten: "Wir müssen es behandeln, als lebten wir in einem anderen Zeitalter, in einer unmöglichen, romantischen Einsamkeit." Wo dann wohl doch wieder die alte Versuchung lauert: "Kurven waren seine Leidenschaft, und kaum sah er eine, drückte er das Gaspedal tief herunter."

FAZ:Reinhard Osteroth * Attilio Brilli: Das rasende Leben Die Anfänge des Reisens mit dem Automobil aus dem Italienischen von Annette Kopetzki Verlag K. Wagen- bach, Berlin 1999 188 S., 22,80 DM