Sommer 1900. Das einstmals mächtige chinesische Kaiserreich befindet sich seit Jahrzehnten in einem unaufhaltsam scheinenden Niedergang. Die Berührung mit dem Westen, die Einflussnahme von Europa und Amerika haben das Land in eine tiefe Krise gestürzt, in ein unentschiedenes Schwanken zwischen Tradition und Reform. Unter dem stetig wachsenden Druck bricht der Boxeraufstand los, eine religiös inspirierte nationale Bewegung, die ihren Hass gegen die Fremden und gegen christliche Chinesen mit unerhörter Grausamkeit entlädt. Die westlichen Mächte reagieren mit einer kaum beschönigten kolonialistischen Intervention, und innerhalb von kürzester Frist versinkt das ganze Land in einem grauenvollen Blutbad.

Nur wenige Wochen später trifft Pierre Loti in China ein. Der angesehene Schriftsteller, seit 1892 Mitglied der Académie française, ist als Adjutant des Kommandeurs der französischen Truppen unterwegs. Aber diese Mission ist ihm eigentlich bloßer Vorwand, um seine Neugier dem Land und dem Krieg gegenüber zu stillen. Loti, einer der Hauptvertreter des französischen Exotismus, wurde zeit seines Lebens von Fernweh und Reiselust getrieben

was er in China zu sehen bekam, widersprach allem, was er erwartet hatte.

Leichengeruch hängt über Stadt und Land, überall verstümmelte Körper, verwüstete Orte, zerstörte Paläste und Kunstschätze

das Wasser ist verseucht, Nahrungsmittel sind knapp: "Raben krächzen in der Stille.

Scheußliche Hunde, die sich an Leichen vollgefressen haben, fliehen vor uns mit schwerem Bauch und eingezogenem Schwanz." Auf beiden Seiten ist der Krieg mit beispielloser mörderischer Erbitterung geführt worden, und China macht auf Loti den Eindruck, es werde sich nie wieder von dieser Katastrophe erholen können.

Auch wenn er sich darin irrte, liest sich Lotis Reisebericht, der erstmals 1902 in Paris erschien, wie der Auftakt zu einem Jahrhundert der Kriege und des Massenmords. Doch zugleich lassen seine Aufzeichnungen erkennen, wie wenig der reisende Europäer von dem begriff, was vor seinen Augen geschah.