Der Artikel verschweigt wesentliche soziale Konflikte im Exil: Denn in Istanbul trafen die Emigranten auf eine relativ fest in sich geschlossene nazifizierte deutsche Kolonie. Die NSDAP war präsent durch eine SS- und SA-Staffel sowie eine Ortsgruppe, die Ende der dreißiger Jahre sogar einen eigenen Gauleiter erhielt.

Unter den Exilanten wurden im Mai 1938 Fragebögen verteilt, die die Gestapo-Unterlagen mit Auskünften zur rassischen Zugehörigkeit der Exilanten und ihrer Angehörigen ergänzen sollten. Frei werdende Stellen an der Universität versuchte die Reichsvertretung mit regimekonformen arischen Hochschullehrern zu besetzen. Um Einfluss auf die Personalpolitik der Hochschule zu nehmen, wurde außerdem das NSDAP-Parteimitglied Professor Bodendorf als "Trojanisches Pferd" in die Istanbuler Universität eingeschleust. Mit der Türkischen Post sowie der damals NSnahen türkischen Tageszeitung Cumhurriyet ging das Generalkonsulat propagandistisch gegen die Exilanten vor. Alles in allem gelang es der Reichsvertretung weitgehend, in der deutschen Kolonie eine einheitliche Front gegen die Exilanten aufzubauen.

Was das türkische Verhältnis zu den Exilanten angeht, ist Bakirdögen zuzustimmen, wenn er schreibt, die Exilanten seien willkommen gewesen, zumindest was die Kemalisten und den größten Teil der türkischen Bevölkerung betrifft. Hingegen waren nicht nur die Traditionalisten nicht ganz frei von Angst vor Überfremdung. Von heute auf morgen wurde 157 türkischen Hochschullehrern die Arbeit genommen, um die Lehrstühle für die Exilanten frei zu machen. Diese Maßnahme wurde heftig kritisiert. Das Verhalten der exilierten deutschen Wissenschaftler, die angebotenen Stellen mit dem Wissen der vorher stattgefundenen Entlassung trotzdem anzunehmen, stößt teilweise noch heute auf Kritik.

Karen Krüger Bielefeld

Der Autor geht mit keinem Wort ein auf die Situation von Hunderten wegen ihrer politischen und religiösen Einstellung (1933!) entlassenen türkischen Professoren der Istanbuler Universität, erst an deren Stelle konnten die deutschen Wissenschaftler nachrücken. Genauso vernachlässigt er auch die restriktive Flüchtlingspolitik der Türkei. Asylsuchende ohne eine besondere wissenschaftliche Karriere oder fachliches Wissen hatten kaum eine Chance, Aufnahme zu finden. Gerade während des Balkanfeldzuges der deutschen Armeen versuchten Zehntausende von Juden und Roma in die Türkei zu fliehen oder das Land als Transitmöglichkeit zu benutzen. Die Türkei verschloss sich ihnen jedoch in den meisten Fällen, ähnlich wie ein Großteil der Welt, und schickte sie dadurch zurück in den sicheren Tod.

Die Bereitschaft der Emigranten, für einen autoritären Staat zu arbeiten und die von ihm erforderte Universitätsreform in die Praxis umzusetzen, führt zugleich zu der Frage, ob sie nicht zu einer politisch-ideologischen Legitimation eines antidemokratischen Systems beigetragen haben. Umso mehr, weil sie sich in ihrer Mehrzahl trotz ihrer demokratischen Gesinnung der politischen Realität ihres Zufluchtlandes entzogen haben. Die Emigranten trafen insgesamt in jener für diktatorische Systeme nicht untypischen Zusammensetzung von Formierungsdruck, Gewalt, Distanz, Freiwilligkeit und Opportunismus ein in Umfang und Inhalt moderates Arrangement: Das ist an sich keine Schande, sondern eher menschlich. Viel schlimmer ist es, dies zu verschweigen.

Dr. Cem Dalaman, Berlin