Vor einem Jahr hatte Bundesumweltminister Jürgen Trittin noch mächtig für Wirbel in Paris gesorgt. Der Atomausstieg komme, so hatte das grüne Regierungsmitglied siegessicher verkündet, zum 1. Januar 2000. Selbst wenn dadurch bestehende Verträge mit der französischen Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in La Hague hinfällig würden, hätten die Franzosen keinen Anspruch auf etwaige Entschädigung. Die Pariser Regierung fühlte sich düpiert.

Vorige Woche kam nun eine Retourkutsche, still und leise: Die neue Chefin der WAA, Anne Lauvergeon, wurde in Berlin vorstellig. Noch immer lagert tonnenweise deutscher Atommüll in La Hague. Der Rücktransport ist überfällig.

Ausschließlich französischen Journalisten - man wollte ja kein unnötiges Aufsehen erregen - verriet sie schließlich in Berlin, worum es bei ihrem Besuch ging: Paris übt freundlich, aber bestimmt Druck auf die deutsche Regierung aus, den Atommüll heimzuholen. Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte ja unlängst in Paris beteuert: "Wir wollen unsere Verpflichtungen einhalten."

Darauf besteht Frankreich nun, wenngleich Frau Lauvergeon Verständis dafür äußerte, dass aus deutscher Sicht der Rücktransport während der Expo 2000 in Hannover von Anfang Juni bis Ende Oktober wenig opportun wäre. Denn die Lagerstätte für den strahlenden Abfall ist das niedersächsische Gorleben, und das liegt ziemlich dicht bei Hannover. Tausende von demonstrierenden Atomkraftgegnern am Rande der Weltausstellung aber könnten die schöne Festtagsstimmung gründlich verderben, das entspräche nicht dem glanzvollen Bild, das Deutschland gern von sich zeigen würde.

Vorher oder unmittelbar danach müsste es aber schon sein, insistiert die neue Dame an der Spitze des WAA-Betreibers Cogema. Vorher? Madame Lauvergeon erklärte, Wirtschaftsminister Werner Müller habe ihr versichert, der Rücktransport nach Gorleben, werde "sehr bald" wieder aufgenommen. Technisch ist er sofort machbar. Das Bundesumweltministerium hat schon grünes Licht gegeben. Wenn Schröder am 4. Februar bei den Konsensgesprächen die Chefs der Atomindustrie trifft, wird er sich jedenfalls für ein Datum entscheiden müssen. Die Lagerkapazitäten für abgebrannte Brennstäbe werden in Deutschland langsam knapp. Frankreich will aber nur weiteren Atommüll aufnehmen, wenn Deutschland seinerseits aufbereitetes Material zurücknimmt. Die Cogema-Chefin war nach ihren Gesprächen in Berlin denn auch zuversichtlich, dass sich der deutsch-französische Atomdissens bald in Wohlgefallen auflösen wird. mk