Martin Luther wetterte einst gegen den Wucher. Der Vorwurf galt all jenen, die "fünf, sechs oder mehr aufs Hundert nehmen". Würde der Reformator heute beim Wort genommen, stünde die deutsche Kreditwirtschaft ziemlich übel am Pranger. Seinerzeit, im Jahre 1540, kam Luther mit seiner Kritik freilich vergleichsweise moderat daher: Zuvor war noch jeglicher Zins, der für ein Darlehen berappt werden musste, verpönt worden - zunächst unter Glaubensbrüdern, später unbedingt und gegenüber jedermann. Wenigstens innerhalb der eigenen Gemeinde kannten fast alle Religionen solch ein Zinsverbot - auch der Islam. Aber im Unterschied zum Christentum und anderen großen Konfessionen besteht der Islam weiterhin auf einem kategorischen Zinsverzicht. Die Commerzbank will damit jetzt Geld verdienen.

Ulrich Schellenberg fliegt derzeit häufig von Frankfurt aus in den Nahen Osten. Dort preist der Client Relations Manager der Commerzbank einen neuen Investmentfonds an, der sich ganz nach islamischen Wertvorstellungen richten soll. Das geht, weil für Muslime zwar Zinseinnahmen - etwa bei festverzinslichen Wertpapieren - verboten sind, Kursgewinne aus dem Besitz von Aktien dagegen nicht. Ende Februar fällt der Startschuss für den AlSukoor European Equity Fund. Der Name des Fonds steht für den in arabischen Staaten äußerst statusträchtigen Jagdfalken.

Schnaps, Tabak und Panzer sind im Portfolio tabu

Bayer und BP, Mannesmann und Nestlé, sind nur einige der Werte, die sich die Väter des Jagdfalken herauspicken wollen. Die Auswahl des Portfolios wird dabei von fünf arabischen Experten nach ethischen Kriterien überprüft.

Verpönt sind jedenfalls Investments in Firmen, die Schnaps brauen, Tabak verarbeiten oder Panzer bauen. Auch die Aktien zinsträchtiger Kreditinstitute sind tabu.

Die Commerzbank ist das erste deutsche Kreditinstitut, das einen islamischen Fonds anbietet. Starten wird der finanzielle Falke zunächst allerdings nur im arabischen Raum. In Deutschland soll der Verkauf dann im ersten Halbjahr 2000 beginnen. Hauptzielgruppe hierzulande: die rund zwei Millionen Türken.

"Am koranischen Zinsverbot besteht unter den islamischen Schriftgelehrten kein Zweifel", sagt Aziz Alkazaz vom Deutschen Orientinstitut. Allerdings werde darum gestritten, ob in der modernen Ökonomie nicht ein "Produktivzins" erlaubt sein müsse, also Zinszahlungen für Investitionen. Das Zinsverbot bedeutet nämlich keineswegs ein Verbot von Banken und Finanztransaktionen.