In meiner Familie gibt es ein Beispiel dafür: Drei Brüder Kerssenbrock gingen um 1860 in ein vornehmes Regiment nach Berlin. Dazu muss man wissen, dass wir Kerssenbrocks aus Westfalen stammen, also katholisch sind und Berlin protestantisch ist. Im Offizierskasino gab es damals einen unbedeutenden Streit über Religion, und sofort wurde erwartet, dass der älteste der Brüder sich duelliert. Er hat das Duell verweigert und gesagt, es widerspreche seinem Glauben und seiner Kirche. Darauf mussten alle drei Brüder aus der preußischen Armee austreten.

Jeder Mensch hat eine Ehre, die soll auch geachtet werden, doch niemand möge mit ihr hausieren gehen. Wenn heute Politiker wie Helmut Kohl oder Uwe Barschel mit dem Ehrenwort anfangen, dann traut man ihnen doch schon nicht mehr, weil man weiß, dass es nur ein paar Stunden glaubhaft ist. Die Wahrheit sollen sie sagen, statt Ehrenworte zu geben. Die Wahrheit ist ein wichtiger Teil der Ehre.

Wilfried Possner,50, letzter Vorsitzender der DDR-Pioniere

Das Pionierehrenwort spielte keine feste Rolle bei uns. Es gab die zehn Gebote der Jungpioniere und die Gesetze der Thälmann-Pioniere. Darin hieß es, dass Pioniere immer die Wahrheit zu sagen haben. Jeder legte bei der Aufnahme ein Gelöbnis darauf ab.

Das Pionierehrenwort diente zur Bekräftigung. Zum Beispiel, wenn ein Schüler vor der Klasse kundtat, seine schulischen Leistungen verbessern zu wollen.

Bei Verstößen gegen die Pioniergesetze war es üblich, vor der Gruppe Rechenschaft abzulegen. Das betraf Bagatelldelikte wie Abschreiben, Zuspätkommen zum Pioniernachmittag, mangelnde Anstrengung im Unterricht oder Disziplinverletzungen. Die höchste Strafe war der Ausschluss aus der Organisation. Aber ich kann mich in meiner Amtszeit von 1985 bis 1989 an keinen derartigen Fall erinnern.

Für die Pioniere in den fünfziger Jahren mag das Ehrenwort eine größere Rolle gespielt haben. Die Organisation hatte nur wenige Mitglieder, es war eine verschworene Gemeinschaft. Ähnlich wie in dem Kinderbuch Timur und sein Trupp von Arkadi Gaidar. Die Gruppe half heimlich älteren Menschen. Sie gaben sich das Ehrenwort, dass ihre wohltätigen Aktionen streng geheim bleiben sollten. So hat sich das Ehrenwort aus Gewohnheiten heraus gebildet.