Gustav Stresemann gehörte neben Walther Rathenau und Friedrich Ebert zu den prägenden Gestalten der Weimarer Republik. Als Reichskanzler der 100 Tage während der Ruhrbesetzung 1923 und danach sechs Jahre lang - in wechselnden Regierungen - als Außenminister wurde er zur Symbolfigur jener mittleren, stabileren Jahre der Weimarer Republik, der "Ära Stresemann", in der es so aussah, als könne sich in Deutschland die Demokratie konsolidieren und Europa nach dem Horror des Ersten Weltkriegs eine friedliche Entwicklung nehmen. Doch als Stresemann 1929 mit nur 51 Jahren starb, hatte die erste deutsche Demokratie nicht nur einen ihrer einflussreichsten Staatsmänner verloren, sondern sein Tod markierte zusammen mit dem unmittelbar nachfolgenden Schwarzen Freitag die Wende zu jener Entwicklung, an deren Ende Hitler und der Zweite Weltkrieg standen.

Stresemann verkörpert wie alle großen politischen Gestalten der deutschen Politik dieses Jahrhunderts die Auseinandersetzung mit den Schicksalsfragen unseres Landes: der demokratischen Revolution, der nationalen Frage und Deutschlands Rolle in Europa. Die Beurteilung seiner Person und seiner Politik hatte schon zu seinen Lebzeiten und noch lange danach, im In- und im Ausland, immer wieder Kontroversen ausgelöst. War er Monarchist oder Demokrat, Nationalist oder Europäer, Idealist oder Realist, Annexionist oder ein Mann des Friedens? Vermutlich liegt der Fehler in der durch das Wort "oder" ausgedrückten Alternative.

Zum einen ist da das Bild des Friedensnobelpreisträgers, des großen Europäers, verpflichtet dem Frieden, der Zusammenarbeit und der schwierigen Verständigung mit dem französischen Nachbarn - Stresemann: der Visionär, der Vorläufer der europäischen Einigung. Typisch der Tagebucheintrag Harry Graf Keßlers am 4. Oktober 1929, am Morgen nach dem Tod Stresemanns: "Man empfindet", schreibt Graf Keßler, "dass es doch schon ein europäisches Vaterland gibt. Die Franzosen empfinden Stresemann wie eine Art europäischen Bismarck. Die Legende beginnt. Stresemann ist durch seinen plötzlichen Tod eine fast mythische Figur geworden."

Daneben gab es aber schon seit den dreißiger und vierziger Jahren eine andere, wesentlich kritischere Sicht der Dinge, vor allem seit der so genannte Kronprinzenbrief bekannt wurde, in dem Stresemann schrieb: "Wir müssen den Würger" - gemeint war Frankreich - "vom Hals haben." Stresemann, der in dem Schreiben zum "Finassieren" riet, galt Kritikern gerade aus den angelsächsischen Mächten fortan als hinterhältiger Heuchler, als Taktiker der zielbewussten Vorbereitung eines neuen Krieges, um damit die Ergebnisse der deutschen Niederlage von 1918 zu revidieren.

Ambivalenz war bereits in seiner Herkunft angelegt: Stresemann stammte aus jener liberal-nationalen kleinbürgerlichen Schicht des Deutschen Reiches, in der die Ideen des liberalen Rechtsstaats und des nationalen Machtstaats nebeneinander existierten, die fasziniert war von Größe und Glanz des kaiserlichen Deutschlands, zugleich aber die Erinnerung an die 48er-Revolution bewahrte. Bürgerliche Freiheit und preußischer Machtstaat verbanden sich für Stresemann zu einer Einheit, und diesem nicht auflösbaren Widerspruch sollte er schließlich während seines ganzen politischen Lebens auch nicht entkommen.

Stresemann legte in kurzer Zeit einen weiten Weg zurück. Anfangs noch im Wilhelminismus wurzelnd, trat er als überzeugter Monarchist, Flottenenthusiast und Annexionist auf, der das französische Erzbecken von Longwy-Briey für das Reich gewinnen wollte und gar von Calais als einem deutschen Gibraltar träumte. Nur wenige Jahre später war aus ihm ein sozial aufgeschlossener Republikaner und jener bedeutende europäische Verständigungs- und Friedenspolitiker geworden, als der er schließlich seinen Platz in der Geschichte finden sollte.

Lernfähigkeit und Realitätssinn ließen ihn zum "Vernunftrepublikaner" werden