Die Party endet mit Mord, noch ehe sie richtig begonnen hat. Das hat der Krimileser gern. Die Gäste, die das San Francisco Museum of Art aus Anlass der geplanten Ausstellung über Französische Malerei aus dem Zeitalter Napoleons mit unverhohlenem Appell an ihre mäzenatische Ader in die Große Halle zum Dinner geladen hat, eine Versammlung von Honoratioren, kunstsinnigen, wohlhabenden Herren mit überwiegend grauen Schläfen, Damen "mit funkelnden Diamanten auf sonnengebräunten Dekolletés", sind angemessen schockiert: Michael, der allseits geschätzte Chefkurator, ist soeben als Leiche i n seinem Büro aufgefunden worden - erstochen in dem Augenblick, als er das Manuskript für seine angekündigte Rede holen wollte, eine Rede über Jacques Louis David, den berühmten Maler der Jakobiner, späteren Hofmaler Napoleons. Das Manuskript des Vortrags ist verschwunden, und auch die Dateien im Computer hat der Mörder fachmännisch gelöscht.

Wer im San Francisco von heute hätte etwas zu befürchten von einem wissenschaftlichen Vortrag über einen Meister aus dem 18. Jahrhundert?

Jacques Louis David und das Rätsel der Geschichte - ein heißes Thema.

"Möglicherweise hat ihn jemand ermordet, um sich das nach dem Dinner nicht anhören zu müssen", sagt die freche Candy zu ihrer Freundin Charlotte, um sich sogleich auf die Lästerzunge zu beißen. "Es ist scheußlich. Aber du musst zugeben, dass diese Kunsttypen ein eigenartiger Haufen sind." Es ist nicht der Moment, mit Entsetzen Scherz zu treiben. Charlotte, derzeit Kunsthistorikerin mit Teilzeitjob am Museum of Art, die den Ermordeten gut kannte, hat kryptische Hinweise darauf, dass er sich zuletzt "in allergrößten Schwierigkeiten" befand.

Die viel versprechende Eröffnung einer Krimipartie, die uns die Autorin Whitney Chadwick da offeriert. Im Labyrinth der Bilder ist ihr erster Roman, ein neues Pflänzchen vom fruchtbaren Acker der kalifornischen Kriminalliteratur. Der deutsche Titel klingt ein bisschen bieder gegenüber dem Titel des bei Macmillan erschienenen englischen Originals: Framed, so lakonisch hintersinnig, aber kaum übersetzbar, trifft die Sache viel besser.

Es geht um den Umgang und den Handel mit Kunst und die ihm innewohnenden Versuchungen, um Bilder, die nicht sind, was sie zu sein scheinen, um Schwindel in größerem Rahmen. Whitney Chadwick, in den USA eine anerkannte Kunstkritikerin, lässt ihre Heldin Charlotte, in manchem sicher das Alter Ego der Autorin, die hier mit offensichtlichem Vergnügen aus dem Nähkästchen plaudert, dem fiktiven, versteht sich, eine Agentur betreiben, die Informationen beschafft über Kunstobjekte mit zweifelhafter Vergangenheit.

"Dass es so einfach war, gestohlene und gefälschte Kunstobjekte zu kaufen, zu verkaufen und in der ganzen Welt zu verschieben" - hat man es nicht schon immer geahnt?