die zeit: Angela Merkel hat die Ära Kohl für definitiv beendet erklärt und damit radikal mit ihrem politischen Ziehvater gebrochen. Man könnte das als eine Art politischen Vatermord deuten. Was sagt die Psychoanalyse dazu?

Wann ist der Vatermord fällig?

Thea Bauriedl: "Fällig" ist er nie. Auf jeden Fall hängt er mit der Art der Beziehung zwischen den Generationen zusammen. Im Allgemeinen werden Töchter und Söhne zu Mördern, wenn sie das Gefühl haben, sich selbst und ihre Macht nur auf diese Weise retten zu können. Je größer die Sprachlosigkeit zwischen Eltern und Kindern, desto "mörderischer" ist die Beziehung, das heißt: desto weniger können die Generationen miteinander leben. Sie leben gegeneinander, und entsprechend gefährlich ist auch der Generationswechsel für beide Seiten.

zeit: Gibt es für den politischen Vatermord in Deutschland historische Beispiele?

Bauriedl: Ja. Die Geschichte der Deutschen ist von missglückten Generationswechseln geprägt. Schweigen und Gehorchen bis zum Tod, so haben Väter und Söhne in beiden Weltkriegen "funktioniert". Auch die Frauen und Töchter haben weitgehend geschwiegen und das Tun der Männer gestützt. Der Versuch, die Eltern mit Gewalt zum Sprechen zu bringen, endete für einige 68-er teilweise in bloßer Anklage, zum Teil auch in Mord. Vielleicht haben wir jetzt, mit dem Ende der bewegungs- und sprachlosen Kohl-Ära, eine neue Chance, aus den Fehlern der Eltern zu lernen und eine andere zwischenmenschliche Beziehungskultur zu entwickeln.

zeit: Ist eine Frau ihrem Ziehvater mehr verpflichtet als ein Mann?

Bauriedl: In ihrem Selbstwertgefühl leben Töchter oft stark von der Anerkennung durch ihre Väter. Deshalb stützen sie häufig - scheinbar selbstlos - die Väter, wenn diese in Not sind. Das tun sie dann später auch mit ihren Männern. Angela Merkel wurde einerseits von Kohl gefördert, andererseits verächtlich als "das Mädchen" abgekanzelt. Nach meiner Erfahrung führt eine solche Situation eher bei Männern zu Mordfantasien dem Vater gegenüber. Frauen nehmen die doppelte Botschaft "Du bist wichtig, aber minderwertig" eher hin. Da sie die Minderwertigkeit der Frauen schon bei ihren Müttern als selbstverständlich erleben, spüren sie selten den Schmerz, der mit einer solchen Behandlung verbunden ist. Sie übergehen ihn auch, wenn sie sozusagen nach Gebrauch wieder beiseite geschoben werden.