Noch ist es dunkel draußen. Ob er Licht machen solle? Nicht nötig, sage ich. So kommen wir auf unsere Augen zu sprechen. Dass ich nur mit einem Auge sehe und er, mit beiden, immer besser. Fast jedes Gespräch über Augen führt zurück in die Jugend, jene Zeit, die darüber befindet, wie man auf die Welt schauen wird. Vom Scharlach blieb bei ihm eine Sehschwäche, die im Lauf der Jahre von selbst heilte. Helmut Kohl, der am 3. April 70 wird, braucht keine Brille mehr.

Nicht nur ich frage, auch er fragt, nimmt Anteil, Menschen machen seine Politik aus, er denkt weniger in Konzepten als "in Menschen". Kaum ist die Rede von der CDU, schildert er, wer in welchem Bundesland gute Parteiarbeit leiste. Menschen erforscht er, weil er viele brauchte, manche verbrauchte die einen förderte er und verstieß die anderen - alle hat er dominiert. Doch wer ihm bei aller Brutalität Menschenliebe abspräche, täte ihm Unrecht.

Gerecht, ungerecht, das ist der Anlass zu dem Gespräch. In den vergangenen Wochen habe ich ihn in Leitartikeln aufs härteste kritisiert, wiewohl seine Verdienste um Europa lobend. Widersprüchlich genug: Ohne das Patriarchat, das die Medien schelten, hätte Kohl den Euro wohl nicht durchsetzen können. Und visionär bleibt er mitten in der Krise. Zu dem Zeitpunkt, da die EU einen neuen Anlauf braucht, weil die wirtschaftliche Integration fast vollendet ist und deshalb nicht länger wichtigste Triebfeder der politischen Einigung sein kann, da denkt er an das Europa der Bildung und der Kulturen und bleibt nicht untätig. Doch das ist ein anderes Kapitel, jetzt geht es um den CDU-Skandal, wie ich es sehe, um die Hysterie, wie er es sieht.

Nicht dass er seinen "Fehler" verharmlosen wolle. Aber die Medien - und nicht nur sie - hätten die Proportionen verloren. Kohl gibt zu bedenken: Die 1,5 bis 2 Millionen Mark in bar, die er als Vorsitzender der Bundespartei zwischen 1993 und 1998 entgegennahm - im Jahr etwa 300 000 Mark -, seien wenig im Verhältnis zu den laufenden Ausgaben von jährlich 50 Millionen Mark und den noch höheren Kosten für Wahlkämpfe. Anders als andere Politiker habe er sich nie persönliche Vorteile verschafft alles war für die Partei. Und: Der Verstoß gegen das Parteiengesetz, der ihm vorgeworfen wird, ist ein Gesetzesbruch, aber keine Straftat.

Von diesem Gesetz hält er wenig. Verlogen sei Paragraf 25, der den Parteien verbietet, von "Parlamentsfraktionen und -gruppen" Spenden zu nehmen. Wer in Kommunen, Ländern oder im Bund als Volksvertreter hart arbeite, wolle dem Gemeinwesen dienen, aber auch seiner Wiederwahl: Der Fraktion sollte es erlaubt sein, am Ende der Wahlperiode überschüssiges Geld an die Partei zu überweisen - damit sie für ihre Abgeordneten kämpfen könne.

Offen bekundet Kohl innere Distanz zum Parteiengesetz, offener als manche Politiker, die 1994 mehr wg. Flick & Pflicht denn aus Einsicht das Gesetz verschärften. Für eine Heuchelei hält er auch die Satzung des DGB, wonach die Gewerkschafter "unabhängig von Parteien" bleiben. Der DGB habe im Bundestagswahlkampf weit mehr als die offiziell angegebenen acht Millionen Mark in seine "Kampagne für Arbeit und soziale Gerechtigkeit" investiert.

Solche Unterstützung fehle der Union, behauptet Kohl, als fände sie bei Arbeitgebern keine Gönner. Überdies verweist er auf den Geldsegen, den die SPD 1991 erhielt, als Wiedergutmachung für ihr von den Nazis enteignetes Vermögen in Ostdeutschland: 75 Millionen Mark, die der damalige Schatzmeister Hans-Ulrich Klose - Kohl zollt dem Sozialdemokraten Respekt - sehr weise anzulegen wusste. Klose erwirkte Minderheitsbeteiligungen an ostdeutschen Verlagen so verhinderte er zweierlei: dass die SPD das Management der Zeitungen übernahm, woran sie in ihrer Geschichte stets scheiterte und dass sie das Geld vorschnell ausgab. Die Beteiligungen würfen jährlich 5 Millionen ab, 20 Millionen Mark pro Legislaturperiode, schätzt Kohl: Im Wahlkampf habe die SPD daher einen klaren Vorteil - so als dürfe bei der Olympiade der eine Spitzenläufer immer 20 Meter vor dem anderen starten.

Auf all das verweist Kohl, weil er die Umstände erklären, vielleicht auch die deutsche Strenge aufzeigen will: Frankreich zum Beispiel kennt ganz offiziell das System der enveloppes der Premierminister erhält jedes Jahr - in bar - eine hohe Geldsumme, über die er frei verfügt. In der Bundesrepublik, fährt Kohl fort, hätten nach dem Krieg die Vorsitzenden von SPD und CDU durchaus "ihre" Kasse gehabt die habe er abgeschafft, als er 1973 Parteichef wurde.

Nie habe er Geld in der Schweiz oder in Liechtenstein gehabt. Den großen Vaduzer Treuhänder Herbert Batliner, sagt Kohl, kenne er nicht etwa von angeblichen Geschäften mit der CDU, sondern weil man sich sommers sehe: Kohls Urlaubsgemeinde St. Gilgen liegt unweit von Salzburg, Batliners zweiter Heimat.

Natürlich habe ich jetzt mit den Spendern gesprochen Auch vom Geld der hessischen CDU habe er nichts gewusst und für ihren Schatzmeister Prinz Wittgenstein wenig übrig gehabt, sagt Kohl. Den Frankfurter Wirtschaftsprüfer Horst Weyrauch, der Konten sowohl der Bundespartei als auch der CDU Hessen betreute, habe er viel seltener gesehen, als Medien unterstellten. Einmal im Jahr habe er von Weyrauch - seine Firma zahlte die Gehälter von Generalsekretär und leitenden Mitarbeitern der CDU - einen Brief bekommen und abgezeichnet: die Gehaltsanpassungen. Für Kohl war und bleibt Weyrauch ein Mann mit gutem Leumund.

Weniger Vertrauen setzte er in den langjährigen Schatzmeister der Bundespartei, Walther Leisler Kiep, der Weyrauch begleitete, als 1991 der Deutschkanadier Karlheinz Schreiber den Koffer mit der Million übergab. Der elitäre Kiep war nie ein Mann Kohls, der sich oft über die Welt der Konzernherren lustig macht und sich selbst gern zu den "Minderen" zählt.

Doch wird Kohl nachdenklich, wenn er Erivan Haub von der mächtigen Einzelhandelsgruppe Tengelmann erwähnt, der ihn im Wahlkampf 1994 mit der Anzeigenkampagne "Im Zweifelsfall für Kohl" unterstützte, worauf sich die Gemüter erregten und Schaufenster in die Brüche gingen. Sollen sich nun andere dem Zorn aussetzen, Nachteile erfahren, weil sie Kohl geholfen haben?

Nein, er habe ihnen Anonymität versprochen diese Spender - ihre Zahl nennt er nicht - seien ehrbare deutsche Bürger, die kräftig Steuern zahlten.

"Natürlich haben wir jetzt miteinander gesprochen", antwortet Kohl auf meine Frage, ob er die Spender gebeten habe, ihn vom Ehrenwort zu lösen. Mehr ist nicht zu erfahren, als dass es beim großen Schweigen bleibt und bleiben soll.

Und dass Bargeldgeschäfte nichts Ungewöhnliches seien.

Das sagt auch Wolfgang Schäuble. Kohl - wäre er 1994 im Bild gewesen - hätte geraten, die 100 000 Mark dem Deutschkanadier gleich zurückzugeben, keine Spende zu akzeptieren von jemandem, den man nur schlecht kenne. Mit jeder Faser habe er gewollt, dass ihm Schäuble nachfolge. Umso schmerzlicher der Bruch mit dem Mann, der ihm einst fast wie ein jüngerer Bruder gewesen sei.

Nach ihrem letzten Gespräch sei er lang sitzen geblieben und habe sich gefragt: Warum? Dieses Gefühl, nur noch unter Druck gesetzt, gar gehasst zu werden.

Den CDU-Vorsitzenden Schäuble habe er lange "rückhaltlos unterstützt", sagte Kohl im ZDF über den Mann, der "rückhaltlos aufklären" will, aber mit dem Transfer von baren 1,15 Millionen Mark von der Fraktion zur CDU wohl Ähnliches verantwortet wie Kohl: einen Verstoß gegen das Parteiengesetz.

So vieles sei inzwischen falsch gelaufen, empfindet Kohl und denkt offenbar auch an Generalsekretärin Angela Merkel, diese intelligente Frau, aber jähe Politikerin. Denn Politik sei auch eine Frage der Zeit, die man sich zu nehmen wisse, sagt der "Aussitzer" noch immer. Die CDU sieht er nicht in einer existenziellen Krise, sie könne die Wahlen in Nordrhein-Westfalen gewinnen. Er wisse zwar, dass er der Partei schade, aber schädlicher wäre der Bruch des Ehrenworts: Viele in der CDU - nicht die Funktionäre, sondern einfache Mitglieder - würden das weder verstehen noch akzeptieren.

"Die Hand, die segnet, wird als erste gebissen", hatte ihn seine Mutter einst gewarnt. Mancher, der dank Kohl etwas geworden ist, wendet sich jetzt von ihm ab. Das schmerzt, aber allein ist er nicht. Gut 1600 Menschen haben ihm geschrieben, die allermeisten, um ihn zu bestärken, und unter den zehn Prozent Kritikern sind viele Abtreibungsgegner, die nun die Gottesstrafe für den Paragrafen 218 sehen.

Ich werde Blessuren davontragen Und die Medien, die ihm Verfassungsbruch vorhalten, fragt Kohl, wie genau nähmen sie es selbst mit dem Grundgesetz? Wo bleibe der "Schutz der Menschenwürde", wenn Kamerateams ihm auf Schritt und Tritt auflauerten. "Sie wollen mich verfolgen, bis ich umkippe", sagt er, aber "der Mann, er wird nicht umfallen, er steht". Kohl will Mitglied des Bundestags bleiben, so kann er vor dem Untersuchungsausschuss auf die Vorrechte der Abgeordneten pochen: Die sind laut Grundgesetz "berechtigt, über Personen, die ihnen in ihrer Eigenschaft als Abgeordnete oder denen sie in dieser Eigenschaft Tatsachen anvertraut haben, sowie über diese Tatsachen selbst das Zeugnis zu verweigern".

Kohl wird kämpfen, Kohl kämpft und schweigt. Hat er schon vor 1993 Spenden erhalten, die im CDU-Rechenschaftsbericht nicht auftauchten? Die Antwort bringt keine Klarheit: So es - wohl bei allen Parteien - Missstände gegeben habe, sagt Kohl, liege die Beweispflicht bei Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Und der Fall Elf/Leuna? Da hält er es mit der Süddeutschen, in der zu lesen war: "Eher hätte Kohl Mitterrand schmieren müssen, damit Elf bei der Stange bleibt." Was ist mit dem Fall Saudi-Arabien? Mit der Lieferung von Spürpanzern für Chemie-Waffen, erläutert Kohl, habe er 1991 die Saudis besänftigt, denen er heiß begehrte Leopard-Panzer vorenthielt, die unbefugt Franz Josef Strauß versprochen hatte. Er habe damit die Sorgen der deutschen Wirtschaft zerstreut, die wegen des Krachs zwischen Riad und Bonn um ihre Petrodollar-Aufträge fürchtete. Und er habe Präsident George Bush beruhigt, der Saddams chemische Kampfmittel fürchtete. Weshalb hätte es bei so vielen guten Gründen der Bestechung bedurft? Eine "verleumderische" Unterstellung, zürnt Kohl.

Dem Druck wolle er jetzt standhalten, sehr wohl wissend: "Ich werde Blessuren davontragen." Aber die Gegner, die Medien werden schlecht dastehen im historischen Rückblick, denn "sie liegen falsch, auch Sie persönlich liegen falsch", sagt er mir. Und seine Augen, zuvor so lebhaft wie seine Hände - plötzlich sind sie kalt, in sich gekehrt der Blick, als ob ihm bei meiner letzten Frage (Ist das alles ein Grund, das Ehrenwort über den Amtseid zu stellen?) der Gedanke gekommen sei: Ein solches Gespräch nützt nichts.

Ohnehin wartet der nächste Termin. Noch bevor er schnellen Schritts sein Büro verlassen hat, ist er weit weg.