Jena

In Jena arbeitete Schiller am Wallenstein. Goethe kam gern von Weimar herüber. Hörte anatomische Vorlesungen. Entdeckte 1784 den Zwischenkieferknochen beim Menschen. Bei Forschungen zur Farbenlehre half der Universitätsmechaniker Johann Körner, später Lehrmeister des Optikers Carl Zeiss.

1862 wird der Sozialdarwinist Ernst Haeckel Professor der Zoologie in Jena.

Als Mitglied der Gesellschaft für Rassenhygiene plädiert er für die Ausmerzung behinderter Kinder. 1925, sechs Jahre nach Haeckels Tod, fordert die NSDAP im Thüringer Landtag, Juden von der Universität zu verbannen.

Jüdische Industrielle drohen dem Zeiss-Konzern mit Boykott. Landesregierung und Rektor dementieren, einen Arierparagrafen zu planen. 1926 folgt die Gründung der Ortsgruppe Jena des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes.

Thüringen ist das erste Land, dem bereits 1930 ein NSDAP-Innenminister vorsteht: Wilhelm Frick, zugleich Minister für Volksbildung. Er beruft umgehend Hans Günther, genannt Rasse-Günther, auf einen Lehrstuhl in Jena.

Bei der Antrittsvorlesung Die Ursachen des Rassenverfalls des deutschen Volkes sind Göring und Hitler anwesend. Thüringen zum NS-Mustergau aufzurüsten ist Sache des Sportarztes Karl Astel. Er wird 1933 Präsident des Landesamtes für Rassewesen in Weimar, 1934 zudem Professor für Züchtungslehre an der Universität Jena, die von 1934 an Friedrich-Schiller-Universität heißt. Der NS-Züchtungslehrer 1935 an Himmler: "Die Universität Jena soll SS-Universität werden."

Astel, von 1939 an Rektor, 1942 zum Standartenführer befördert, holt unter anderen Sturmbannführer Falk Ruttke, Miturheber des Sterilisationsgesetzes, als Ordinarius für Rasse und Recht nach Jena. Zu Astels Gesinnungsgenossen zählt auch Johann von Leers, Verfasser des Buches Blut und Rasse in der Gesetzgebung. Leers flieht 1945 über Italien nach Argentinien, lebt später in Kairo. Der Veterinär Victor Görttler, laut Astel "ein Mann unserer Front", bleibt dagegen Lehrstuhlinhaber in Jena und bekommt den Nationalpreis der DDR.

NS-Propagandisten werden als bedeutende Mediziner geführt

Im Oktober 1945 beginnt die "antifaschistischdemokratische Neugeburt".

Anerkannte Wissenschaftler, so die Universitätsgeschichte Alma Mater Jenensis, werden berufen. Zu ihnen gehört der Psychiater Rudolf Lemke, der die Zwangskastration von Homosexuellen gefordert hatte. Der Biologe Otto Schwarz, von 1943 an "auf dem Gebiet der Biologischen Kriegführung" tätig, wird 1948 und 1958 noch einmal Rektor der Universität und erhält den "Vaterländischen Verdienstorden". Der Anatom Hermann Voss bekommt 1952 einen Lehrstuhl und wird mit dem Titel "Hervorragender Wissenschaftler des Volkes" geschmückt. Voss kooperierte mit der Gestapo in Posen, lauerte bei Exekutionen nahe der Guillotine, um die Ermordeten sogleich verarbeiten zu können. Voss betrieb einen schwunghaften Handel mit Skeletten und "Judenschädeln".

Jenaer Geschichtsbewusstsein: Das Klinikum der Universität stellte im Dezember 1999 im Internet bedeutende Ärzte vor. Unter ihnen den Chirurg Erich Lexer, der zum NS-Sterilisationsgesetz den Beitrag Die Eingriffe zur Unfruchtbarmachung des Mannes verfasst und 1937 von Hitler die Goethe-Medaille empfangen hatte. Aufgeführt ist ebenso der Venerologe Bodo Spiethoff, der im Juli 1932 den Aufruf der Hochschullehrer zur Wahl der NSDAP unterzeichnet und danach im Sachverständigenbeirat für Rassenpolitik des Reichsinnenministeriums die Rassengesetze abgesegnet hatte.

Wie ein Heiliger verehrt wird bis heute der Kinderarzt Jussuf Ibrahim, 1877 in Kairo als Sohn eines ägyptischen Arztes und einer Deutschen geboren. Er war 1917 Ordinarius für Kinderheilkunde und Leiter der Universitätskinderklinik geworden, ein Geschenk der Carl-Zeiss-Stiftung (die später auch Astels Erfassung der Geisteskranken in den Anstalten finanzierte). Das Kinderkrankenhaus war zugleich Ausbildungsstätte für Säuglingsschwestern, die sich heute noch "Ibrahim-Schwestern" nennen.

Ibrahim wird 1947, zum 70. Geburtstag, Ehrenbürger der Stadt. Die Sozialpädagogische Fakultät ernennt ihn zum Ehrendoktor - als "Retter der Säuglinge, Berater der Mütter und Wohltäter der Menschheit". 1950 erhält der Wohltäter den Titel "Verdienter Arzt des Volkes" und den Nationalpreis der DDR I. Klasse. Außerdem ist er Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde. Jenas berühmtester Kinderarzt stirbt 1953. 30 Jahre später tauchen Dokumente auf, die Ibrahim keineswegs als Retter der Säuglinge ausweisen.

Die Jenaer Psychiatrie wird in der NS-Zeit von zwei Männern dominiert: Leiter der Universitätsnervenklinik ist der SA-Sturmbannarzt Berthold Kihn (nach 1945 Honorarprofessor in Erlangen). Für die Berliner Euthanasiezentrale selektiert er Geisteskranke zur Vergasung. Die Leitung der nahe gelegenen Landesheilanstalt Stadtroda hat Gerhard Kloos (nach 1945 Direktor der Psychiatrie in Göttingen). Kloos, Dozent an der Friedrich-Schiller-Universität, entscheidet als Richter am Erbgesundheitsobergericht über Zwangssterilisationen und führt in Stadtroda eine Kindermordabteilung.

Der Kindermord ist "geheime Reichssache". In Ibrahims Kinderklinik wird jedoch in die Krankenblätter eingetragen: "Euthanasie beantragt" oder "Die beantragte Euthanasie ist noch nicht bewilligt". Deshalb beschwert sich am 12. Juli 1943 Ministerialdirigent Herbert Linden, Organisator der Euthanasie im Reichsinnenministerium, bei Rektor Astel. Am 21. Oktober 1943 erfolgt Lindens nächste Rüge, weil einer Mutter in der Kinderklinik gesagt worden war, ihr Junge sei ein Idiot, ohne Entwicklungsaussichten, müsse nach Stadtroda. Dort werde entschieden, ob Behinderte getötet werden. Am 30.

Oktober 1943 schreibt Kihn an Astel: "Im Übrigen kann ich nur sagen, dass ich mit der Kinderklinik gerade in dieser Frage bis jetzt sehr schön zusammengearbeitet habe".

Astel brachte sich im April 1945 um. Die Krankenakten sind vernichtet. Die Medizinhistorikerin Susanne Zimmermann fand jedoch einen Brief Ibrahims vom 5. Januar 1944 an Kloos, Chef der Kindermordstätte Stadtroda. Über einen Jungen steht da: "Offenbar aussichtslose Zukunft. Vielleicht könnte er bei Ihnen eine nähere Beobachtung und Beurteilung finden. Euth.?" Das Kind, am 29. März 1942 geboren, "stirbt" am 2. Juni 1944.

Der Retter der Säuglinge hat demnach die Tötung des Jungen angeregt. Auch Ibrahims ehemaliger Oberarzt Johann Duken war nicht der Kinderfreund, als der er bisher galt. Duken, später Ordinarius in Heidelberg und SS-Obersturmführer ("Der Nationalsozialismus ist uns unbedingtes Gebot, das über jedem deutschen Menschen steht"), wurde 1941 in einem britischen Propagandaflugblatt sogar als Kindermörder gebrandmarkt.

Ibrahims bis heute angesehener Nachfolger Erich Häßler war während der NS-Zeit sogar in einem Zentrum des Kindermords tätig: als Oberarzt an der Universitätskinderklinik Leipzig bei Werner Catel, dem pädiatrischen Kopf der Kindervernichtung. Häßler ist Mitverfasser von Catels Lehrbuch Die Pflege des gesunden und kranken Kindes, erschienen im Georg Thieme Verlag, Leipzig. In diesem Buch werden Kurzsichtigkeit, Gebissmängel, engeres Becken und Stillschwierigkeiten als schädlich für den Volkskörper gegeißelt. Erst der Führer habe das Bewusstsein für "Blut und Rasse" geweckt. "Die Gefahr der rassischen Überfremdung" liege "vor allem in der Existenz des fremdrassisch bestimmten Volkes der Juden, deren Lebensform ein wurzelloses Parasitentum ist". Häßler ist Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und der von ihm mitbegründeten Gesellschaft für Pädiatrie der DDR. Er lebt hochbetagt in Jena.

Eine Kommission soll den Fall wissenschaftlich klären

Nach Jussuf Ibrahim sind in Jena eine Straße, zwei Kindertagesstätten, seine ehemalige Kinik und eine weißrosa Rose benannt. Ibrahim hat viele Fürsprecher, die toten Kinder haben nur wenige. Die Deutsche Presse-Agentur verbreitete sogar eine Mahnung der Sprecherin der Gedenkstätte Buchenwald (gewiss keine Autorität beim Thema Kindereuthanasie): Von einer Täterschaft könne vor einer seriösen medizinhistorischen Aufarbeitung nicht gesprochen werden. Der Chef der Ibrahim-Klinik, Felix Zintl: "Wenn man alte Jenaer spricht, sagen alle, sie seien schon einmal von Ibrahim gerettet worden."

Die Universität hat im Januar eine Kommission einberufen. Sie soll nun den Fall Ibrahim wissenschaftlich klären. Die Öffentlichkeit weiß bis heute nicht, dass seit 1993 universitätsintern eine Ibrahim schwer belastende Aussage bekannt ist und seither beharrlich verschwiegen wird: Die Jenaer Medizinhistorikerin Susanne Zimmermann hatte von Astels Witwe in einem Gespräch erfahren, "dass durch Ibrahim ein mongoloides Neugeborenes, das Kind eines Weimarer politischen Leiters, durch eine Injektion getötet" worden sei.

Dies steht in Zimmermanns Habilitationsschrift, die demnächst als Buch erscheint. Zimmermanns Arbeit war bereits am 21. Dezember 1993 im Hörsaal der Universitätsfrauenklinik diskutiert worden. Der Tötungsvorwurf ist seitdem intern bekannt. Gleichwohl wurde die Legende vom gütigen Kinderarzt all die Jahre gehegt und gepflegt.

Man wusste, schwieg, leugnete. In Jena schrieb Goethe den Zauberlehrling.

Dort heißt es: "Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los."