Es gibt in Österreich liberale Menschen, die den Triumph des neuen österreichischen Schattenkanzlers als dialektische List der demokratischen Evolution feiern. Die List soll darin liegen, dass es ausgerechnet einem Antiliberalen gelang, hinter dem Rücken der Vernunft der Republik einen demokratischen Dienst zu erweisen. Haider habe die Zweiparteienregierung aufgebrochen, die eiserne Klammer des Proporz-, Patronage- und Pfründesystems gelockert und die Endmoräne der "Konkordanzdemokratie" abgeräumt. Der Mann ist ein "Eisbrecher" im Staatsmeer, in dem alle demokratischen Räume eingefroren waren.

In der Tat, Haider verspricht "echte Demokratie" und die nachhaltige Änderung des "Systems". Er hat eine große "Verfassungsreform" angekündigt, und das Innenministerium soll bei Gelegenheit mit dem Verteidigungsministerium zwangsvereint werden. Dennoch hoffen weite Kreise inständig, der Völkerrechtler Dr. Haider sei ein intellektuell unzurechnungsfähiger Populist und werde so schnell verschwinden wie der Morgennebel im Bärental.

Wer wissen will, was der Rechtsintellektuelle Jörg Haider unter Demokratie versteht, muss einen Umweg über die Kunst machen. Denn durch nichts wird Haiders innerer Volkszorn mehr aufgestachelt als durch die kulturelle Linke, durch "Kulturanarchisten", "Kulturmafiosi" und "Sozialschmarotzer", die im "Faulbett üppiger Subventionen" rote Regierungsideologie produzieren. Er nennt sie "pseudo-intellektuelle Taugenichtse, Wichtigtuer und Faulenzer, die Häuser besetzen und Sozialhilfe beziehen". Ihnen droht er mit einer atemlosen Zukunft. "Pfeifen S' nur, wenn ich an der Macht bin, dann habt ihr keine Luft mehr zum Pfeifen." Was Haider nicht selbst sagt, sagt sein Kulturberater, Chefideologe und Weggefährte Andreas Mölzer, momentan Schriftführer der rechtsradikalen Wochenzeitung Zur Zeit, die bislang nur mit antisemitischen Karikaturen von sich reden macht: "Kunst hat sich von der sozialistischen Kulturpolitik zur Hure machen lassen."

Diese Ausfälle haben System. Haider und seine Programmdesigner sind nämlich besessen von der Vorstellung, die ästhetische Moderne und der westliche Liberalismus seien zwei Seiten einer Medaille. So wie die Kunst des abgelaufenen Jahrhunderts im abstrakten Nichts verendete, so kann laut Mölzer "der westliche Parteienstaat vor den Gesetzen der Geschichte nicht haltbar sein". In Haiders Programmschrift Die Freiheit, die ich meine (1993) lautet gleich der erste Satz: "Die auf dem Boden der Aufklärung gewachsenen, für Europa prägenden Ideen und Gesellschaftssysteme sind überholt, am Ende oder überhaupt gescheitert. Das gilt für den Sozialismus ebenso wie für den Liberalismus."

Schuld am Menetekel des Staates, seiner formlosen Schwäche, trägt die Emanzipation der Kunst. Dem Reich des Schönen entsteigen die Pest der ästhetischen Autonomie und das Gift der freien Denkungsart, um am Ende die schützenden Dämme der Sittlichkeit und die Autorität des Staates zu zersetzen. Aus Sicht der FPÖ ist die moderne Kunst ein Killervirus im Körper der Macht und ihrer Ökonomie. "In der Wirtschaft gilt Ordnung, Disziplin, Leistung (...), während in der kulturellen Sphäre Expressivität, Bindungslosigkeit und Spontaneität dominieren." Schließlich löst sich die Kultur vollständig "aus religiösen und sozialen Bindungen der bürgerlichen Gesellschaft" und wird "Gegenkultur". Die Subversion des Schönen ist das Schicksal der Politik, oder in den Worten einer FPÖ-Wahlparole: "Die Zukunft Österreichs ist unsere Kunst".

Es wäre ein Missverständnis, zu glauben, Haider wolle die zarte Kunst vor Politikern schützen, die sie zwecks Regierungspropaganda vor ihren Karren spannen. Haider spricht in Die Freiheit, die ich meine von einem "Kulturkampf", der auf eine Moderne zielt, die durch einen historischen Betriebsunfall in Wien begann und dort schleunigst wieder enden soll. "Ohne werteverteidigenden Kulturkampf ist eine Überwindung des linken Kulturfaschismus nicht möglich", heißt es, und schnell wird klar, warum Mölzer den politischen Aufstieg Haiders als "große dogmengeschichtliche und das gesamte Europa erfassende Entwicklung" feiert - nämlich als Etappensieg über den modernen "Nihilismus" und sein "linksfaschistisches" Milieu.

Haider macht keinen Hehl daraus, dass seine "Dritte Republik" die Trennung von Kultur und Staat aufheben und auf dem Trümmerfeld des Liberalismus eine "ganzheitliche Gesellschaftspolitik" ins Werk setzen wird. Die Grundsätze der FPÖ, so Haider vor Jahren in der rechtsextremen Zeitschrift Aula , "sind in einer Politik der sozialen Volksgemeinschaft zu verwirklichen. Dabei ist auf das Bekenntnis zur Volksgemeinschaft besonderer Wert zu legen, die eine organische und ethische Gebundenheit des Menschen in verschiedenen Gemeinschaften, von der Familie bis zum Volk, zum Ausdruck bringt."