Die Frage, welches Sakko der Doktorhaider, wie ihn seine medialen Adoranten in Österreich zu nennen pflegen, nun gerade aus dem Schrank nimmt, ist gewiss ebenso hoher Bedeutung, wie die Frage, welchen Parteifreund er gerade in das Kabinett hängt. Eine österreichische politische Kommentatorin hat vor nicht allzu langer Zeit aus einem ausgeschlagenen Hemdkragen, den sie als völlig outdated ansah, öffentlich auf das politische Ende Haiders geschlossen. Insofern haben sich die Geschmacksrichter der politischen Geschicke und die der modischen Eleganz als gleich urteilsfähig erwiesen. Haider blüht erst dann auf, wenn alle meinen, es ihm so richtig geben zu müssen. Der Haider-Bezwingzwang wird nun vom österreichischen Lokalsport zum europäischen Spleen. Wer will auf den Sieger setzen? Ein Tipp: Es gewinnt der mit der meisten Aufmerksamkeit.

Es kommt ja nicht nur darauf an, was einer sagt. Es kommt auch darauf an, wie einer wirkt. Haiders Geschäft ist das Produzieren von Gesamtbildern, in die sich der provozierende oder abwiegelnde Text, die kalkulierte Provokation samt eingeplantem Dementi oder halbherziger Entschuldigung als organischer Teil einfügt. Den Hintergrund seiner Bilder und Frechheiten gibt jenes alpine Panorama ab, das ich die "Welt des Feschismus" nenne, abgeleitet vom österreichischen Wort "fesch" für stattlich - und die braucht vor allem einen tüchtigen, anständigen Körper. In Kitzbühel, beim Hahnenkammrennen, begrüßt der Platzsprecher die Politiker. Bei Kanzler und Tiroler Landeshauptmann gibt es freundlichen Applaus. Bei Haider johlt die Menge wie sonst nur beim Herminator. So nennt alle Welt ihren Skikaiser Hermann Maier, der seinen Körper auf dem Fitnessgerät stählt, Tag und Nacht.

Haiders erstes Kleid ist logischerweise sein Körper; der Körperdiskurs, zu dem er seine Partei, die Gesinnungsgemeinschaft der Tennislehrer und Jogger, verhält, kontrastiert ungemein mit der Körpersprache der grauen Säcke der so genannten Altparteien, aber auch mit den schlappen, verschlampten Körpern der Untüchtigen und Deklassierten. Dass bei neuester Bildtechnik das Bild des Körpers weiterentwickelt werden kann, ist Haider klar. Die bildbereiten Medienpartner Haiders sind Meister der Montage und der Retusche, sozusagen. Mit dem Zahnarzt, der seinen schiefen Zahn bezwang, bezwang er übrigens gemeinsam das Matterhorn. Der Körper wird verbessert und ständig zur Schau gestellt, es mangelt nicht an Fotos des halb nackten Haider beim Tennis oder am Wörthersee.

Haiders Körpersprache richtet sich an die junge Zielgruppe. Abwechslung tut Not. Wenn er zweimal hintereinander am selben Tag auf zwei verschiedenen TV-Kanälen im selben Outfit zu sehen ist, verwirrt das die Zuseher. Seine Garderobe muss ein Vermögen kosten. Er pflegt einen Stil des gemäßigten Modernismus mit einem auffälligen Hang zu Enggeschnittenem und zum hohen Kragen, was ihn zuweilen aussehen lässt wie eine Kombination aus Captain Kirk und Doktor Spock aus Raumschiff Enterprise , der Film IV.

Vergangenen Sonntag auf n-tv bei Herrn Böhme, der ein schönes, selbstgefälliges Beispiel bot, wie man auf Haider reinfällt, trug er ein graues Tweedsakko und darunter einen breit gerippten Turtleneck-Strickpullover, dessen Häkelkragen beinahe wie ein Hals-Tattoo aussah. Eine Interpretation, weshalb Haider diese halb hohen Rollkragen liebt, kann hier nicht gegeben werden - vielleicht findet er, er riskiere seinen Hals, und sucht symbolisch Schutz beim Rolli. Das gefällt den Frauen, auch weil es etwas priesterartig wirkt, was Haiders Neigung zu jesuitischer Reservatio Mentalis (rede anders, als du denkst) subtil unterstriche.

Bei seinen einfarbigen, grauen Anzügen mit weißem Hemd und dickknotiger Krawatte, zu denen er in Zeiten großer Regierungsfähigkeit neigt, fallen die hochgeschlossenen drei- bis vierknöpfigen Sakkos auf, die etwas Rüstungsartiges ausstrahlen. Hochgeschlossene Gilets passen gut dazu, ebenso der schmale Schnitt der Sakkos, die an den Schultern stets schmal, aber besonders stark gepolstert sind. Hier werden Kraft, Dynamik, Modernität signalisiert und ausgestrahlt. Die modische schwarze Lederjacke gehört ebenfalls zum Standardrepertoire wie die geliebten schwarzen-T-Shirts.

Das Wichtigste an diesem Model aber sind die Verwandlungsfähigkeit und der Wille, ein gutes Bild zu bieten. Egal ob im Kärntner Trachtenanzug vor SS-Veteranen, im Kletterhöschen vor Fotoreportern, in Joggingleggins und mit Stirnband oder im grauen Tweed. Ein Mann als Symbol seiner selbst. Ein Körper, in der Mode so wendig und von so opportunistischer Konsequenz wie in der Politik. Es kommt ja nicht darauf an, welche Weltanschauung er gerade aus dem Schrank greift. Es kommt darauf an, der Sieger zu sein.