Natürlich hat er sich das ziemlich anders vorgestellt. Irgendwie freundlicher. Harmonischer. Feierlicher. Wer wird schon gern Bundeskanzler und als Erstes im Ausland überall geschmäht und daheim mit einem Misstrauensvotum begrüßt? Aber andererseits: Wolfgang Schüssel, 54 Jahre alt, promovierter Jurist und Berufspolitiker, verheiratet mit einer Psychologin, Vater zweier Kinder (26 und 12), ist am Ziel. Er ist österreichischer Bundeskanzler, der erste Christdemokrat seit über dreißig Jahren. Das muss einem schon was wert sein. Und Wolfgang Schüssel, erst recht seiner Österreichischen Volkspartei (ÖVP), ist es sehr viel wert. Auch den Ruf, Haiders Helfershelfer zu sein und sonst nichts.

Ganz ahnungslos ist Schüssel, was das Weltecho angeht, nicht gewesen. Dumm ist er nicht, im Gegenteil. Er wusste schon, worauf er sich eingelassen hat. Oft genug hatten ihm die europäischen Außenminister seit der Wahl vom 3. Oktober 1999 zugeraunt, er möge sich nicht mit diesem Haider einlassen. Aber selbst wenn er die Massivität der europäischen Reaktion präziser eingeschätzt hätte, eine andere Entscheidung wäre nicht gefallen. Die Mehrheit der ÖVP-Führung wollte raus aus der Koalition mit der SPÖ. Endlich Schluss! So heißt auch ein Stück von Peter Turrini. Es handelt von Selbstmord.

Die Rolle gefällt Schüssel nicht. Berufsprovokateur ist er keiner. Darin unterscheidet er sich von Haider. Er ist auch nicht, im Gegensatz zu dem Kärntner mit dem Flegelcharme, geprägt vom Bewusstsein und den Rollenzwängen des ewigen Systemoppositionellen. Das Österreich, in dem Haider "aufräumen" und "Ordnung schaffen" will, diese 1945 während der letzten Kriegstage von befreiten "roten" und "schwarzen" KZ-Häftlingen gegründete Zweite Republik, die lange noch die Narben des innerösterreichischen Bürgerkriegs von 1934 trug, dieses Österreich ist Schüssels politische Heimat. Als Funktionär der Bundeswirtschaftskammer, einer Säule des österreichischen Systems der Sozialpartnerschaft, stand er jahrelang im Dienste des großen Konsenses und Interessenausgleichs. Die Verachtung, ja Feindschaft, mit der Haider den Staat und dessen Gewohnheiten und Fehlentwicklungen attackiert, sind ihm fremd. So ging auch von ihm kein wirklicher Druck zur Veränderung und Flexibilisierung dieses längst nicht mehr nur stabilen, sondern auch zunehmend anpassungsunfähigen und unbeweglichen Systems aus. Um mit den Proporz- und Privilegienauswüchsen radikal zu brechen, war und ist Schüssel zu sehr eine Stütze der gewachsenen Ordnung, die Haider, der Ausgeschlossene, umso leidenschaftlicher bekämpft.

Schüssel, fünf Jahre lang Außenminister, möchte in aller Welt als verantwortungsbewusster Staatsmann respektiert werden. Als der Mann, der die Krise bewältigt. Den Schaden beseitigt. Haider unter Kontrolle hält. Und neues Vertrauen gewinnt. Ist er dafür gebaut? Eine solche Frage wäre ihm gewiss unbegreiflich. Er ist ein Mann von berstendem Vertrauen in die eigene Intelligenz und politische Kraft. Seit langem lautet seine Devise: Wer, wenn nicht ich, kann Haider stoppen? 1995 hat er, ein halbes Jahr nach seiner Beförderung zum Parteichef und Vizekanzler, einen Budgetstreit vom Zaun gebrochen und damit überraschend Neuwahlen erzwungen, dies in der Erwartung, die ÖVP endlich wieder zur stärksten Partei machen zu können. Damals ärgerte ihn, dass alle Welt vom Duell Vranitzky - Haider redete. Wieso Vranitzky? Er, Schüssel, sei der wahre Gegner für Haider, sagte er damals, der Retter vor dem Gottseibeiuns. Heute, gut vier Jahre danach, ist die ÖVP nur noch drittstärkste Partei (415 Wählerstimmen hinter der FPÖ) und Haider nicht gerade gestoppt. Aber immerhin: Schüssel ist Kanzler, die Sozis sind nach mehr als dreißig Jahren wieder in der Opposition, und wenn Schüssel auch beileibe nicht aussieht, wie man sich einen "wahren Gegner" Haiders gemeinhin vorstellt, so ist er doch das letzte Hindernis auf dessen Marsch auf Wien.

Ein Hindernis, aber kein Bollwerk. Der neue Bundeskanzler wird alle Hände voll damit zu tun haben, hinter dem Mann, der ihn zum Kanzler machte, herzuräumen. "Ich habe auch durchaus meine Zweifel", gab er neulich abends bei Sabine Christiansen zu, nachdem vom bayerischen Freund, Edmund Stoiber, ein bisschen Skepsis zu Haider geäußert worden war. Im Übrigen werde es sein Job sein, verhieß er, Angst zu nehmen und Emotionen abzusenken. Und er versprach: "Ich werde auch Acht geben auf mein Land."

Dazu gehören aber mehr als gute Manieren, ein stoisches Lächeln und ein schriftliches Bekenntnis zu den europäischen Werten, den Menschenrechten und anderen demokratischen Selbstverständlichkeiten. Zunächst gehört dazu überzeugende Alltagsarbeit. Doch schon die Zusammensetzung des neuen Kabinetts verheißt nichts Gutes. Selbst das rechtskonservative Blatt Die Presse zeigte sich enttäuscht. Und unverzichtbar ist eine sichtbare politische Konzeption, die ihn deutlich von Haider abhebt, von dessen Rabaukentum, Demagogie, Illiberalität. Doch gerade das, was er dafür dringend sein müsste, ist Schüssel nicht, oder nicht mehr: liberal im klassischen bürgerlichen Sinn. Wer ihn gut kennt, erinnert sich an ihn als pragmatischen Konservativen, interessiert an Neuem, offen für Streitgespräche. Doch das ist offenkundig länger her. "Der Schüssel hat sich geändert", sagen alte Bekannte. War es die Aussicht, Kanzler zu werden, die ihn verengte? Die ÖVP führt er autoritär, widerspruchslos, ohne Diskussion. Ein junger ÖVP-Aktivist klagt: "Debatten sind nicht erwünscht." Es obwaltet Schüssels Einheitsgebot.

Ohne es zu merken, wird Schüssel dem allein herrschenden FPÖ-Paten Haider ähnlicher. Gegen den internationalen Protest vergattert er alle Österreicher, "egal von welcher Partei". Gegen die Einmischung von außen müsse man zusammenstehen. Mobilmachung! Patrioten vortreten! Auch an Haiders Dolchstoßlegende - Präsident Klestil und Kanzler Klima hätten die Proteste im Ausland bestellt - strickt er mit. Von "Hochverrat" spricht er zwar nicht. Doch er lässt Haider gewähren, zu dessen aktivem Sprachschatz die totalitäre Vokabel selbstverständlich gehört. Die Verhaiderung des Wolfgang Schüssel ist unübersehbar.