Politiker bilden eine abgeschlossene Kaste, gesichert gegen Zutritt von außen; lediglich die Wahltermine können ihre Macht gefährden, weshalb sie auch nur von Wahl zu Wahl planen. Dies ist ein Befund, der weithin geteilt wird, und dass in der Abgeschlossenheit auch manches Unkraut gedeiht, lässt sich gegenwärtig gut verfolgen. Also liegt es nahe, über Reformen nachzudenken. An dieser Stelle sei eine Reform vorgeschlagen, die nur auf den ersten Blick abwegig wirkt: politische Aleatorik, also der Einbau von Zufallsmomenten.

Als unseriös, ja ungehörig wird der staatsbürgerlich Gebildete diese Idee empfinden. Entscheidung durch das Los - fair vielleicht, aber demokratisch?

Traditionelle Demokratien kombinierten Wahl und Los

Ein äußerst elaboriertes Verfahren wurde in Venedig für die Wahl des Dogen befolgt. Zuerst hatte man per Los 30 Patrizier als Wahlmänner gekürt. Aus dieser Grundgesamtheit wurden, wiederum durch Losentscheid, neun Personen gewählt, die ihrerseits per Mehrheitswahl 40 Männer bestimmten. Während sich diese 40 Wahlmänner zurückzogen und ihre Zahl per Los auf ein Dutzend reduzierten, das seinerseits wiederum 25 wählte, versammelten sich die neun ursprünglichen Wahlmänner in einer separaten Kammer. In beiden Teilmengen fanden nun noch diverse Nominierungen und Losziehungen statt, ehe letztlich eine Gruppe von elf Wahlmännern eine Gesamtheit von 41 Wahlmännern bestimmte, die dann mit einer Mehrheit von mindestens 25 Stimmen den Dogen zu wählen hatte.

Einfacher wollte man es nicht haben. Die Wahl dauerte fünf Tage.

Auch in der britischen Traditionsdemokratie wurde das Los bis ins 17. Jahrhundert hinein für gewisse politische Entscheidungen und Ämterbesetzungen herangezogen. "Bis vor ungefähr zwei Jahrhunderten war man allgemein der Ansicht, dass das Prinzip der Ämterrotation durch das Los zu den für eine Demokratie charakteristischen Verfahren gehört", resümiert der australische Politikwissenschaftler John Burnheim. Montesquieu beispielsweise, der Vater der Gewaltenteilung, schlug vor, dass die Zusammensetzung des Senats mittels eines Zufallsverfahrens bestimmt werden sollte. "Die Wahl durch das Los entspricht der Natur der Demokratie." Rousseau und Condorcet stimmten Montesquieu in dieser Frage ausdrücklich zu. Gleichwohl, es waren die terribles simplificateurs der Französischen Revolution mit ihrem "konstruktivistischen Rationalismus", wie ihn der Ökonom Friedrich August von Hayek nannte, deren "soziale Mathematik" keine Unbestimmtheit im politischen Raum zulassen wollte; der Volkswille hatte sich aus den Stimmen der Bürger zu addieren.

Das Zufallsprinzip überdauerte gleichwohl in gesetzlichen Vorschriften zur Organisation der Judikative. In den USA werden Richter und Geschworene teilweise durch das Los bestimmt. In norwegischen Amtsgerichten dient das Zufallsverfahren dazu, den Richtern die Fälle zuzuordnen. Jeder der drei Richter erhält drei oder vier Zahlen zwischen null und neun zugewiesen. Die Rechtsstreitigkeiten werden in der Reihenfolge ihres Eingangs nummeriert. Die letzte Zahl in der Eingangsziffer eines Falls bestimmt alsdann, welcher Richter den Prozess führt. Anders in Deutschland: Hier werden die Richter gemäß dem Anfangsbuchstaben des Beklagten zugeteilt. Dieses Verfahren weist freilich Nachteile auf. So gelangt ein Großunternehmen, das häufig Gegenstand von Rechtsstreitigkeiten ist, stets an denselben Richter.