Vor ein paar Jahren noch hätte die Kritik diesen Abend vermutlich unisono verrissen. Brecht-Eisler-Abklatsch, Weihestunde, Deklamationsritual, Moralpredigt, Volkshochschullektion - mit solchen Hohn- und Spottvokabeln wären die Rezensenten über ihn hergefallen. Das Kontingent, ein politisches Oratorium, die jüngste Uraufführung der Berliner Schaubühne, koproduziert mit dem Frankfurter TAT, wäre unter dem Stichwort "Opas Theater" gnadenlos abgefertigt worden.

Und jetzt? Ein Gefühl freudiger Verwunderung herrscht vor, gespannte, irritierte Neugier. Man spürt: Da tut sich was, das Theater bewegt sich wieder. Fast wie neu dringt das halb schon Vergessene an Aug' und Ohr, staunend vernimmt man im eben noch Gestrigen den unverbrauchten Ton. Gerade das junge Publikum hat sich in der Premiere stark beeindruckt gezeigt, es applaudierte, es jubelte. Und nur von den Kritikern fragen sich manche jetzt besorgt: Wo, bitte schön, bleibt die Ironie?

So wird denn, ganz im Sinne der jüngsten Manifeste, der Einsatz des "Kontingents", einer hoch trainierten UN-Eliteeinheit, die auf die Durchsetzung von Menschenrechtspolitik in heikelster Mission spezialisiert ist, nicht nur zum Einsatz in lebensgefährlichem Gelände (Kaukasus, Bosnien, Srebrenica heißen die Assoziationen), sondern tatsächlich auch in ironiefreier Zone. Ernst steht gegen Ernst, Moral gegen Moral, Humanitätsdoktrin gegen persönliche Menschenwürde. Bertolt Brechts Lehrstück von der Maßnahme in die nächste Zukunft fortschreibend, zeigt das Frankfurter TAT-Autorenkollektiv "Soeren Voima" das ethische Dilemma auf, in das ein "wehrhafter" Werte-Universalismus rasch geraten kann, wenn er zugunsten der großen Politik die kleinen Einzelnen übersieht.

Einer der Elitesoldaten, der junge Amerikaner Bill, sympathischer Brausekopf, Idealist (Lars Eidinger), hält den Spagat zwischen kalter Vernunft und heißem Empfinden, zwischen diplomatischem Kalkül und spontaner Menschlichkeit nicht aus. Er kann dem Wahnsinn nicht mehr tatenlos zusehen, will helfen, sofort und unmittelbar, verstößt gegen Neutralitätsgebote und militärische Disziplin, wird jäh zur Bedrohung der Kameraden - und von ihnen erschossen. Die Exekution als Ultima Ratio, furchtbare Ausweglosigkeit? Oder blanker Mord? Wird Unrecht, begangen im Namen eines humanitären Auftrags, zu Recht? Die Fragen schreien nach Antworten. Doch die Autoren verweigern sie, es gibt sie nicht, es gibt keine moralisch "sauberen" Lösungen. Deutlich wird allenfalls, wem die Sympathien der Theatermacher gehören: dem unbeherrschten Individuum.

Rekonstruiert werden die Ereignisse in Form eines Prozesses. Die mehrstufige Podestbühne, die Jan Pappelbaum ins riesige Betongrau der Schaubühne gestellt hat und die an drei Seiten von Zuschauerrängen eingeschlossen ist, verjüngt sich an der Front, vor zehn himmelblauen UN-Fahnen, zum Hochsitz eines Tribunals. So kühl das Ambiente, so karg und stilisiert die Szenen: Spröde Dialoge wechseln mit Sprechgesängen und chorischen Partien (Musik: Matteo Fargion). Bisweilen hat die Simplizität, der Bild- und Opulenzverzicht etwas Rührendes, auch komisch Hölzernes - doch seltsam, immer wieder findet man zurück ins Spiel, spürt die hellwache Intelligenz der Veranstaltung und bewundert den Mut dieses Theaters, das Thema Moral einmal ganz ohne ironische Brechungen, mit vollem, heiligem Ernst zu verhandeln.

Denn auch dafür kann diese Aufführung als markantes Beispiel gelten: Nicht nur die Politik, auch die Moral kehrt auf die Bühne zurück. "Moral": Kein Wort war jahre-, ja jahrzehntelang so geächtet unter den Theatermenschen, Synonym für Einfalt, Anmaßung, Langeweile, Musealität, für Hochmut und Hochhuth. Wer auf sich hielt, hatte es längst nicht mehr im Repertoire. Die Vokabel galt, zu Recht, als vernutzt und missbraucht, zu Unrecht als überflüssig und überholt in der Sache, die sie zu beschreiben sucht. Und auch hier galt: Aus notwendiger Skepsis war im Lauf der Jahre kommode Dauerflucht geworden. Immer mehr hatte sich das Theater damit aus der Debatte um alle politisch-gesellschaftlichen Realitäten verabschiedet.

Einer, den dieser Rückzug in bloßen Stil, in Ästhetizismus oder ironischen Autismus schon immer maßlos genervt hatte, war Franz Xaver Kroetz. "Geschichtlich gesehen ist das Theater der Jetztzeit weit hinter der Wirklichkeit zurück. Es interessiert sich gar nicht mehr für das, was draußen passiert. Ich scheiß auf diese Art von Theater ..." Das schrieb er im September 1982. Jetzt, bald zwei Jahrzehnte später, zwei Tage nach der Schaubühnen-Premiere, ist am Berliner Ensemble ein neues Stück von Kroetz uraufgeführt worden, das dieses Drinnen und Draußen konfrontiert, den Zwiespalt von privatem und politischem Leben thematisiert. Das Ende der Paarung ist, in des Autors Worten, ein "deutsches Trauerspiel" um den Tod der beiden Kult-Grünen Petra Kelly und Gert Bastian am 1. Oktober 1992. "Doppelselbstmord" lautete damals die "romantische" Version; Mord mit anschließendem Suizid, so die These, die Alice Schwarzer in ihrem Buch Eine tödliche Liebe dagegenhielt.