Am 3. Dezember 1940 vernahmen die Rundfunkhörer in den USA zum letzten Mal die vertraute Stimme des CBS-Reporters: "This is Berlin." Danach verließ William L. Shirer, von den anhaltenden Zensurschikanen zermürbt, die Hauptstadt Nazideutschlands. In seinem Koffer befanden sich Tagebuchblätter, die all das enthielten, was Shirer in seinen Sendungen nicht hatte sagen dürfen. Sie erschienen bereits 1941 unter dem Titel Berlin Diary. Das Buch, das mit analytisch scharfen Einsichten in den Herrschaftscharakter der Hitler-Diktatur aufwartete, wurde ein Welterfolg. Eine deutsche Ausgabe kam erst 1991 bei Gustav Kiepenheuer in Leipzig heraus. Drei Jahre später folgte die Übersetzung des zweiten Tagebuches, End of a Berlin Diary, das die Aufzeichnungen der Jahre 1944/45 enthält (siehe ZEIT Nr. 7/92 und 12/94).

Nun hat sich derselbe Verlag entschlossen, in einem dritten Band auch noch die Rundfunkreportagen Shirers aus den Jahren 1939/40 in einer Auswahl zu veröffentlichen. Ein interessantes Unternehmen, denn ein Vergleich der Tagebuchnotizen mit den Sendetexten lässt deutlich erkennen, welchen Einschränkungen in der Berichterstattung der amerikanische Korrespondent unterworfen war und wie er es trotzdem verstand, der Zensur durch ironische Wendungen oder versteckte Andeutungen immer wieder ein Schnippchen zu schlagen. Auf diese Weise konnte er manches übermitteln, was der offiziellen Sprachregelung der Nazis zuwiderlief, etwa über das Schicksal der Juden im besetzten Polen. "Ich bedaure", so ließ Shirer seine Hörer im Januar 1940 wissen, "daß wir Berlin-Korrespondenten Ihnen nur wenig Informationen aus erster Hand über das Geschehen in Polen geben können. Es ist uns nicht gestattet, dorthin zu reisen" (24. Januar 1940). Wer Zwischentöne zu deuten wusste, dem musste klar sein, dass die Lebensbedingungen der polnischen Juden sich unter der deutschen Herrschaft dramatisch verschlechtert hatten.

Die Sternstunde in seiner Karriere erlebte Shirer am 21. Juni 1940, als er von einer kleinen Lichtung im Walde von Compiègne aus direkt über die für Frankreich so demütigende Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens berichten konnte. Diese zu Recht berühmte Reportage, die das Bedrückende des Augenblicks meisterhaft einfing, sollte allen Absolventen von Journalistenschulen zur Pflichtlektüre gemacht werden.

Was diesen Band als historisches Dokument wertvoll macht, sind indes die kleinen Beobachtungen des Alltags, die Shirer gleichsam am Rande sammelte und die manchmal doch mitten hineinführen in die widersprüchliche Wirklichkeit des "Dritten Reiches". Immer wieder in Erstaunen versetzte ihn "das seltsame Phänomen eines anscheinend völlig normalen Lebens in der deutschen Hauptstadt". Gäbe es nachts nicht die Verdunkelung der Fenster und tagsüber deutlich weniger Autos auf den Straßen, so könnte "man kaum glauben, daß ein Weltkrieg ausgebrochen ist" (4. September 1939). Cafés, Bars und Bierkeller sind eher noch voller als sonst, in Opern, Theatern und Konzerten herrscht "ein Andrang wie nie zuvor" (29. Oktober 1939). Das Nachtleben floriert, und getanzt wird mit noch größerer Hingabe. "Die englischen Titel werden noch immer gespielt, doch für die Sänger hat man nun neue deutsche Texte geschrieben" (26. November 1939). Das beliebteste Buch der Saison heißt Vom Winde verweht der amerikanischen Autorin Margaret Mitchell (erst 1941 wurde es vom NS-Regime aus dem Handel gezogen), der beliebteste Film Gold in New Frisco mit Hans Albers. Aber auch Abenteuer in China mit Clark Gable sorgte für volle Säle.

Ebenso überrascht war Shirer vom Gleichmut, mit dem die Berliner nicht nur auf die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs Anfang September 1939, sondern auch auf den Beginn des deutschen Angriffs im Westen im Mai 1940 reagierten: "Die Leute gingen ihren Geschäften nach. Keinerlei Aufregung" (11. Mai 1940).

Und drei Wochen später, nach den unerwartet raschen militärischen Erfolgen, heißt es: "Die Bevölkerung scheint ihren Alltag wie zuvor zu leben. Gestern ging ich kurz vor Einbruch der Dunkelheit auf Berlins Hauptgeschäftsstraße, auf dem Kurfürstendamm, entlang. Er war voll von Leuten, die gemütlich flanierten ... Heute, am Sonntag, waren Zehntausende Leute zu sehen, zumeist Familien, die es in die Wälder und an die Seen zog, die die Hauptstadt umgeben ... Alle waren sie in dieser müßigen, entspannten und fröhlichen Sonntagmorgenlaune" (2. Juni 1940).

War diese fast gespenstisch anmutende Normalität nur Fassade? Verbargen sich dahinter vielleicht Vorahnungen einer kommenden Katastrophe? Shirers Reportagen lassen diese Frage offen. Nach den ersten englischen Luftangriffen auf Berlin im September 1940 war es ohnehin vorbei mit der "seltsamen Ruhe" (27. Juli 1940)