"Über dem Ganzen lagert Rauch und Staub, und durch alle Gassen rast der Lärm der Industrie. Lichtblicke nirgends und nirgends auch Ruheplätze. Alles öde, alles nüchtern, grau in grau alles - das ist Favoriten."

Max Winter, Sozialreporter, 1901

So war es. Wenn es nicht so gewesen wäre, würde ich nicht in der Per-Albin-Hansson-Siedlung leben. Ich hätte auch nicht im Jean-Jaurès-Hof und im George-Washington-Hof gewohnt, dort bin ich aufgewachsen

im Gemeindebau des Roten Wien. Der Gemeindebau war die Antwort auf das Elend der Arbeiter.

Mein Name? Den kann ich nicht nennen. Sie wissen, die Situation, das Ausland.

Wir leben in dunklen Zeiten. Da hält man sich besser zurück. Schließlich hat sich auch unser neuer Bundeskanzler, Wolfgang Schüssel, ganz in dem Sinne des deutschen Kaisers Wilhelm geäußert und gesagt, er kenne keine Parteien mehr, sondern nur mehr Österreicher. Bitte, da ist ein Name auch nicht mehr wichtig. Entscheidend ist, dass alles, was hier erzählt wird, authentisch ist. Alles Stimmen aus Favoriten. Sehen Sie mich als Ihren Berichterstatter.

Es ist klar, worum es geht. Die FPÖ des österreichischen Rechtsaußen Jörg Haider und die Arbeiter. 47 Prozent aller Arbeiter haben bei den Wahlen im Oktober die Freiheitlichen gewählt. Haider sagt mit Recht, die FPÖ sei die neue Arbeiterpartei.

Aber lassen Sie mich kurz zu Favoritens Vergangenheit zurückkehren, damit klar wird, woher wir kommen.

In Favoriten war das Elend größer als überall sonst in Wien. "Es gab keine Fabrik, die nicht hat so stinken können, schon stand sie in Favoriten" - so heißt es bei uns noch heute: Ölraffinerien, Gerbereien, Stahlwerke, Chemiefabriken. Die Lehmgruben des Laaerbergs aber bestimmten das Schicksal Favoritens. Hier brannte man Ziegel, die den Bedarf des aufstrebenden Wien deckten. Die Arbeiter kamen mehrheitlich aus Böhmen, darum nannte man sie Ziegelböhmen. Sie waren die Ärmsten der Armen.

"Sind Ziegelböhmen auch Menschen?" Unter diesem Titel schrieb 1888 ein Arzt namens Viktor Adler einen Bericht in einer Zeitung. Er rüttelte die Behörden auf. Erste Schutzmaßnahmen wurden ergriffen. Viktor Adlers Artikel markierte die Geburtsstunde der Sozialdemokratie in Favoriten. Er ist unser Heiliger.

Der zentrale Markt ist nach ihm benannt.

Heute haben wir keine solche Lichtgestalten mehr in Favoriten. Ganz im Gegenteil: Österreich befindet sich seit dem Regierungswechsel unter scharfer Beobachtung, wie es auf EU-Ebene heißt. Das Land steht unter Faschismusverdacht. Angesichts der Zahlen ist klar, warum auf Favoriten besonders geschaut wird, schließlich stehen hier die Arbeiterburgen, denen man besondere Widerstandskraft zugeschrieben hat.

Das Café Bizi am Viktor-Adler-Markt zum Beispiel ist ein ausgesuchter Horchposten. Das Bizi ist ganz neu. Auf zwei Etagen bietet es Pizza, Pasta, Lasagne sowie Kaffee und Kuchen. Es ist beliebt bei Jung und Alt. Bei den Jungen, weil es modern ist und es nichts anderes gibt

bei den Alten, weil der Kuchen schmeckt und es nichts anderes gibt. Im Bizi sind in den letzten Monaten immer wieder Kameraleute aufgetaucht. Meist spät am Abend. Um diese Zeit ist im Bizi naturgemäß schon viel Alkohol geflossen. Die Fernsehleute schalten ihre Kameras ein, und es kommt, wie es kommen muss: schreckliche Sprüche am laufenden Band. Quotenstark. Die FPÖ und die Arbeiter - das kann doch keine Erklärung sein.

Also, der Gemeindebau. Wir hatten alles, was wir vorher nicht hatten: Wasseranschluss, Toiletten, Kinderhorte, Zahnkliniken, Arztpraxen. Am 1. Mai beflaggten wir den Gemeindehof. Wir feierten uns, weil wir der Armut entkommen waren, und die Partei, weil sie für uns ein Stückchen des sozialistischen Paradieses schon hier und jetzt verwirklicht hatte. Der Gemeindehof eignete sich architektonisch gut fürs Feiern. An Fenster und Balkonen waren kleine Fahnenstangen angebracht. Da hat man dann auch gesehen, wer kein Sozialist war. Es gab ein paar Kummerln in den Höfen, so nennt man bei uns die Kommunisten. Aber es waren wenige. Noch geringer war die Zahl jener, die keine Fahne hissten. In den Gemeindehöfen herrschte Freundschaft und Einheit.

Aber man hatte beim Bau der Gemeindehöfe nicht nur ans Feiern gedacht, sondern vor allem an den Feind. Der schlummerte zwar, aber argwöhnisch war er doch. Er bemerkte, dass die Sozialisten in ihren Höfen eine neue Welt aufbauten. Ein Paradies der Arbeiter, mit den Steuergeldern der Bürger Wiens finanziert. Das konnte zu Spannungen führen. Das wussten auch die Architekten und ihre Auftraggeber. Deshalb bauten sie die Gemeindehöfe mit Festungscharakter: verschließbare Tore und Fenster, die eher Schießscharten waren. Am 12. Februar 1934 kam es zum Aufstand. Arbeiter erhoben sich gegen die Klerikalfaschisten. Die hatten das Parlament abgeschafft und ähnelten auch sonst Mussolinis Schwarzhemden. Auch in Favoriten wurde geschossen.

Nicht viel, aber immerhin, die österreichischen Sozialisten waren die Ersten gewesen, die sich mit der Waffe in der Hand gegen den Faschismus wehrten - noch vor den Spaniern. Ein Grund zum Stolz. Aber wenige Jahre später kamen die Nazis. Da gab es keinen Grund mehr, stolz zu sein. Auch für die Austrofaschisten nicht.

Es war nicht nötig, bis zum 1. Mai zu warten, um zu wissen, wer wo stand. Der Hausmeister wusste auch vorher Bescheid. Er kümmerte sich nämlich nicht nur um die Arbeiten, um die sich ein Hausmeister zu kümmern hat. Er trieb auch die Mitgliedsbeiträge für die Partei ein. Das machte ihn zum Machtfaktor.

Denn, auch wenn es niemand offiziell zugab, von der Parteimitgliedschaft hing es ab, ob man eine Gemeindewohnung bekam. Parteibuchwirtschaft hat man diese Art des Wirtschaftens genannt. Die anderen, die ohne Parteibuch, haben sich natürlich ausgeschlossen gefühlt.

"Dieses politische System in Österreich hat bewirkt, dass der Herrschaft des feudalistischen Adels die Herrschaft der proletarischen und halbgebildeten Funktionäre gefolgt ist, und deshalb wird man sich fragen müssen, welche politische Klasse für das Volk erträglicher war."

Jörg Haider

Wo es viele Hausmeister gibt, braucht es natürlich einen Oberhausmeister. Den nennt man Bezirkskaiser. Die Bezeichnung ist harmlos, aber seit Haider die Trommel rührt, hat ihr Ruf gelitten. Dabei gäbe es ohne den Bezirkskaiser vieles nicht, was wir nötig brauchen.

Aber auch die Kaiser der Arbeitervorstädte leiden unter der rätselhaften Krankheit aller Kaiser: Sie glauben, Gott habe ihnen die Macht verliehen. Da passiert es leicht, dass sie Gottes Kinder vergessen, auch wenn sie wie in Favoriten viel Gutes getan haben. Und wie alle Herrscher haben sie ein paar Prinzipien, die infrage zu stellen nicht ratsam ist. Im Roten Wien ist der Antifaschismus ein Grundwert. Schließlich speiste sich die Identität der Partei auch aus ihrer aufrechten Haltung in den vergangenen Zeiten der Barbarei.

Irgendwann, Ende der achtziger Jahre, spielte sich, so wird erzählt, im SPÖ-Sektionslokal 26 am Hebbelplatz folgende Szene ab. Eine Hausmeisterin, Mitglied der Partei: "In unserem Gemeindebau sind Fremde eingezogen. Die sind anders als wir. Sie haben andere Sitten. Die Nachbarschaft klagt. Wir sind besorgt."

Die Vorsitzende der SPÖ-Sektion und gleichzeitig leitende Funktionärin des Bunds sozialdemokratischer Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus der SPÖ, Frau Hertha Slabina, griff sich ans Herz: "Ich rege mich so auf, wenn darüber gesprochen wird. Ich will mich nicht aufregen, das schadet meiner Gesundheit.

Das Thema lassen wir lieber. Es ist faschistoid, das zu einem Thema zu machen." Und in diesem Ton ging es weiter. Kurz: Sie hielt eine Brandrede in bester Tradition des historischen Antifaschismus. Die Hausmeisterin schwieg und trug schwer an ihrem Problem. Sie hatte auch Grund zum Schweigen, eine Gemeinderätin ist schließlich mächtig. Später kam dann Haider und sprach am Viktor-Adler-Markt über die Sorgen der Hausmeisterin - er tat es auf seine Art.

"Nächstenliebe und Sehnsucht nach ,Buntheit und Offenheit' sind bei den wenigsten Multikultis die Triebfedern des Handelns. Die meisten von ihnen, vor allem die linken Ideologen, scheinen vom Hass auf das eigene Volk getrieben, das nicht bereit ist, ihren Utopien zu folgen."

Jörg Haider

Ausländer waren in Favoriten schon immer ein Thema. Vor Jahrhunderten schickten die Habsburger Späher auf den Laaerberg, den mit 256 Metern höchsten Punkt Wiens. Sie mussten nach Staubwolken Ausschau halten, die von den Pferden der heranrückenden Kumanen stammten, der Awaren oder wen die Geschichte gerade ausgesucht hatte, Wien zu erobern. Gab es Staubwolken, verschloss Wien die Tore seiner Bastei. Das ist lange her, aber so war das mit den Fremden, historisch. Da gibt es eingegrabene Ängste in Favoriten, auch wenn es Favoriten ohne die Ziegelböhmen nicht geben würde. Die sprachen zwar eine andere Sprache, aber es waren k. u. k. Österreicher, Habsburger.

Sie hatten auch eine eigene Schule, die Komensky-Schule. Die gibt es heute nicht mehr, weil das Böhmische sozusagen im Wienerischen aufgegangen ist.

Aber im Bezirksmuseum stehen eine Tafel und ein paar Schulbänke dieser Schule. Man kann sagen, dass 50 Prozent aller Favoritner böhmischer Abstammung sind. Darauf verweist man hier gerne, um zu beweisen, was für ein toleranter Bezirk Favoriten ist. Das ist bestimmt auch wahr.

"Sicherlich, auch die Völker Mitteleuropas sind Mischprodukte mit einander überlagernden ethnischen Schichten, dies aber als Ergebnis vielhundertjähriger, organischer, evolutionärer Begegnung und nicht als Ergebnis einer massenhaften Landnahme im Kernterritorium der Heimat."

Jörg Haider

Es ist ja viel zusammengekommen in den letzten Jahren. Die Arbeitsplätze sind unsicherer geworden, auch wenn es um Favoriten objektiv gesehen nicht sehr schlecht steht. Die Zukunft ist nicht mehr berechenbar, selbst der sonst sichere Gemeindebau ist nicht mehr sicher vor dem Zugriff der Fremden. Die haben zwar einen österreichischen Pass, aber als Österreicher sieht man sie trotzdem kaum an - schon gar nicht im Gemeindebau. Das Alte geht nicht mehr, und ein Neues zeichnet sich am Horizont nicht ab. Vor allem aber haben die Sozialdemokraten sich davongemacht. Sie sind aufgebrochen in unbekannte Zukunftsländer

Neue Mitte nennen sie das Feld, das sie beackern wollen, dynamisch-urbane Bevölkerungsschichten, Modernisierungsgewinner, technologische Elite und was sonst noch für Wortungetüme ihnen aus dem Mund stolpern. Favoriten ist zwar eine Stadt, aber nicht gerade urban, es ist geschäftig, aber nicht unbedingt dynamisch, es ist vielleicht technologisch aufgeschlossen, aber zur Elite gehört es noch lange nicht - Favoriten ist das, was es immer war, seit es das Elend hinter sich gelassen hatte: eine Vorstadt mit Mietskasernen, ein paar Fabriken und dazwischen eine ausgelaugte Fußgängerzone mit einem bunten Markt und Geschäften, die so aussehen, als hätten sie das ganze Jahr Ausverkauf.

Die Sozialdemokraten hatten so viel vom Neuen geschwärmt, dass sie vergessen hatten, wie groß das Alte noch war: In Österreich sind 1,2 Millionen Menschen als Arbeiter eingestuft - bis zu ihnen sind kaum Computer und auch nicht die Aktienkurse durchgedrungen.

Da hat sich eine Lücke aufgetan in Favoriten. Hineingesprungen sind Leute wie Hilmar Kabas, ein FPÖ-Gemeinderat in Wien. Der hat sich ein paar Sündenböcke rausgesucht und dann ordentlich reingeschlagen. Eines seiner Ziele war das Gesellenheim in der Zoomangasse. Dort sind viele Schwarzafrikaner vorübergehend untergebracht. Herr Kabas hat nun behauptet, dass Schwarzafrikaner Drogenhändler sind, und er hat dafür auch eine einleuchtende Begründung gefunden. In einem Interview mit der Wiener Tageszeitung Die Presse sagte er: "Die Szene ist in der Hand von Schwarzafrikanern - aus welchen Gründen auch immer. Fachleute haben mir versichert, dies habe zwei Gründe. Die Schwarzafrikaner erkennt man auch als Süchtiger sehr gut

andrerseits wird, wenn die Polizei einschreitet, erfolgreich die Rassismuskeule angewandt." Das ist natürlich Blödsinn, aber Kabas' Karriere hat es nicht geschadet. Immerhin war er in der neuen Regierung als Verteidigungsminister vorgesehen, der Präsident hat das gerade noch verhindert. Er befürchtete diplomatische Verwicklung, wo doch eh schon alles so verwickelt ist.

Auch in Favoriten werden sich nicht viele finden, die der Logik des Herrn Kabas folgen können. Aber um Logik geht es ja nicht, es geht um Ängste. Da schritt die Polizei doch noch ein. Sie stürmte das Gesellenheim und nannte es "operation spring" - es war als Zeichen der Hoffnung gedacht. Da ging es recht gewaltsam zu, und Drogen fanden sich, wenn auch nicht allzu viele.

Auffallend ist, wie die Anrainer applaudierten, als die Polizei verdächtige Schwarze abführte. Sie machten halt ihren Ängsten Luft und begrüßten die Hoffnung.

"Wir sind die neue soziale Demokratie."

Jörg Haider

Es ist alles schwer in Favoriten, gerade jetzt, wo Österreich im Rampenlicht steht. Es werden noch viele Journalisten kommen und nach Rassisten, Faschisten, Xenophoben und sonstigen Exemplaren der Barbarei suchen. Sie werden sie finden, ganz ohne Zweifel. Und dann folgen die Schlagzeilen und schlagen zu. Da ist alles richtig und gut. Aber es geht schon lang nicht mehr nur um die Verbitterten, Unbelehrbaren. Es geht um die Jungen, die Neuen. 35 Prozent aller Wähler unter 35 wählen Jörg Haiders Partei. Ihnen werden nicht nur Ressentiments angeboten, sondern auch eine Identität, die über das bösartige Meckern hinausreicht. Haider springt ans Seil gebunden von der Jaunttal-Brücke

Haider klettert wie eine Katze steile Wände empor

Haider läuft frisch und fröhlich den Wiener Marathon. Immer allein, immer auf Kampf, mit Mannschaftsspiel hat er nichts am Hut. Das kommt gut an, auch in Favoriten, wo man eher an das Bild des gewichtigen Parteifunktionärs gewöhnt ist, der bei jeder passenden Gelegenheit das Wort Mitverantwortung in den Mund nimmt - oder in sportlichen Kategorien ausgedrückt: ans Mannschaftspiel gemahnt, trotz der vielen Fouls. Bei Haider gehört das Foul zur Lebensphilosophie

da wird gleich draufgehauen, wenn denn einer dazwischenkommt. Aber meistens ist da keiner, denn Haider läuft vorneweg.

In Favoriten läuft man ihm gerne nach. Trotz allem, auch hier interessiert die Zukunft mehr als die Vergangenheit. Daher wabert auch hier Vergangenes unverändert in den Köpfen. Im Bezirksmuseum zum Beispiel findet sich eine Schautafel mit einem Stadtplan von Favoriten in Schwarzweiß. Die Überschrift: "NSDAP-Einrichtungen in Favoriten, 1945". Mit rotem Filzstift sind auf dem Plan unter anderem angebracht: Flakstellungen, Bunker und unter der Legende Nummer 4 ein Barackenlager. Die Legende erklärt: "Ausländer" - warum man gerade den Begriff Ausländer gewählt hat für etwas, das wahrscheinlich ein Kriegsgefangenenlager oder Zwangsarbeiterlager war? Das lag einfach auf der Zunge, war aber mit Sicherheit nicht bös gemeint. In Zukunft soll es keinen Platz mehr für Missverständnisse geben. Die FPÖ/ÖVP-Koalition hat sich in einer so genannten Präambel verpflichtet, "selbstkritisch die nationalsozialistische Vergangenheit zu überprüfen". Eine Säuberung der Köpfe und Herzen sozusagen. Ist das einmal geschehen, kann es wirklich heißen: Willkommen in Favoriten!

Wenn Sie dann am Reumannplatz aus der U1 steigen, denken Sie an das Lebensmotto unseres großen Parteivorsitzenden Viktor Adler: "Man muss die Menschen gerne haben!"