Wenige Bücher haben eine messbare Wirkung auf den Gang der Dinge. Die wenigsten entfalten gar schon vor dem Erscheinen die Einschlagskraft von Meteoriten wie Véronique Vasseurs Chronik aus dem Innenleben des Pariser Untersuchungsgefängnisses mit dem schönen Namen Santé (Gesundheit). Kaum waren die ersten Auszüge im Vorabdruck veröffentlicht, da richteten Senat und Nationalversammlung schon je einen Untersuchungsausschuss über die Haftbedingungen in Frankreich ein, und das Justizministerium stellte zusätzliche Mittel für Gebäuderenovierungen bereit.

Véronique Vasseur ist seit 1993 Chefärztin an der Santé. Als sie sich um die Stelle im Gefängnis bewarb, hatte sie schon ein paar Jahre Berufserfahrung als Ärztin und befand sich gerade in einer längeren Pause als Malerin.

Übergangslos wechselte sie aus der Stille des Ateliers an die überbelegte Santé: 1800 Gefangene in Räumen, die vor 150 Jahren für 1200 Insassen gebaut worden waren und damals als musterhaft galten. Sieben Jahre später hat die Santé 1236 Untersuchungs- und Kurzzeitgefangene, davon knapp zwei Drittel Ausländer mit 81 Nationalitäten. Eine Zelle hat zehn Quadratmeter, vier Betten und eine Toilette. Das ist der Rahmen, in dem der Alltag von Véronique Vasseur und ihren sechs Kollegen spielt, Nachtwachen allein inklusive.

Frau Vasseur reiht in rascher Folge Einzelerlebnisse aus den vergangenen sieben Jahren aneinander. Ratten so groß wie Katzen, Kakerlaken und Wanzen in den Zellen. Selbstmorde und Selbstmordversuche. Drogen, Vergewaltigungen und Prügeleien durch die Wärter. Tränengas in den Isolierzellen.

Die Verdichtung von sieben Jahren Berufsalltag auf 202 Seiten bewirkt eine Dramatisierung, die durchaus beabsichtigt ist. Dafür ist Véronique Vasseur denn auch kritisiert worden - vor allem vom Gefängnisdirektor der Santé, der ihr unmissverständlich zu verstehen gab, sie müsse sich einen anderen Job suchen. Der Internist Didier Sicard, Präsident des nationalen Ethikkomitees, bemängelte, dass Frau Vasseur in vielen Fällen die medizinische Schweigepflicht gebrochen habe. Im Übrigen bestätigte er ihren Report.

Allgemein ist das Entsetzen laut in dem Land, das sich als Vaterland der Menschenrechte versteht. Die Probe aufs Exempel steht noch aus: Wer ist bereit, das nötige Geld auszugeben, damit Straf- und Untersuchungsgefangene auf einem Niveau versorgt werden, das die Gesellschaft für menschenwürdig hält?

Véronique Vasseur: Médecin-chef à la prison de la Santé