Vom fünften Stock seines Instituts hat Robert Proctor eine historische Aussicht. "Da drüben ist es", sagt der Amerikaner und deutet durch den Regen hinüber zu den Überresten des Führerbunkers. "Und es gibt noch nicht mal ein Hinweisschild." Am liebsten würde Proctor alles ans Licht zerren: Schließt den Bunker auf, öffnet die geheimen Archive, lasst Mein Kampf wieder drucken. "Man muss sich den Dingen stellen, sonst werden sie zum Fetisch" ist seine Maxime - wohl wissend, welche Gefahren so viel Offenheit in sich birgt.

Proctor ist zur Zeit Gastforscher am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte; dort soll er die Rolle der Wissenschaft während der Nazizeit ergründen. Die Reputation für diese heikle Aufgabe erwarb sich der 45-jährige Historiker durch Bücher wie Racial Hygiene - Medicine under the Nazis, in dem er die Greuel der Nazis deutlich beschrieb. In seiner jüngsten Publikation The Nazi War on Cancer spürte er dagegen vergessene "fortschrittliche" Aspekte der Nazi-Krebsforschung auf. So entdeckten deutsche Forscher Asbest als Krebsauslöser, die Schädlichkeit von Farbstoffen in Nahrungsmitteln und den Zusammenhang von Lungenkrebs und Rauchen. Und sie beließen es nicht dabei: Sie ordneten "Antistaub-Kampagnen" an, verboten Buttergelb und klebten Antirauchplakate.

Anlässlich des diesjährigen Jubiläums 100 Jahre organisierte Krebsforschung in Deutschland bietet sich Proctor wieder eine Gelegenheit für Sticheleien. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg lädt für dieses Wochenende zum Kongress. Man hat Proctor zum Thema Hitler und die Anti-Raucher-Kampagne in der NS-Zeit aufs Podium gebeten.

Viele Redner würden in Heidelberg Gutes über die Krebsforschung vor dem "Dritten Reich" erzählen, mutmaßt der Texaner im Vorfeld, dann über die fürchterliche NS-Zeit und schließlich die positive Entwicklung nach der "Stunde null". Aber auf eine delikate Weise, so Proctor, verhielte es sich genau andersherum. In vielerlei Hinsicht hätte Deutschland während des Naziregimes "die Kronjuwelen der Epidemiologie dieses Jahrhunderts" geliefert. Systematisch suchte man nach Gefahren, die möglicherweise das "Keimplasma", die Erbsubstanz der "arischen Rasse" bedrohten. Ganz oben auf der Liste stand das Rauchen. Im hessischen Niederaula hatte der Arzt und das Parteimitglied Hermann Franz Müller schon 1939 in seiner Dissertation den Zusammenhang zwischen Tabakmißbrauch und Lungencarcinom belegt, zwei Jahre später machten deutsche Forscher die Hauptursache für Lungenkrebs dingfest. In großen Plakatkampagnen erklärte die Propaganda den Tabak zum "Volksfeind" und geißelte die Geldverschwendung durch Zigarettenkonsum. Vor einem Verbot schrak Nichtraucher Hitler nur deswegen zurück, weil die Sucht erheblich Steuern einbrachte und den Landsern die Zigaretten vergönnt waren.

Nazithemen seien noch immer wie "Pornografie", sagt Proctor, schmuddelig und schmutzig. Aus diesem Grunde sei auch eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema so schwer. Selbst heute würden nur abschreckende Lehren aus der Nazimedizin gezogen. Dieses Tabu wirkt bis in die Gegenwart. Es erschwerte nach dem Krieg die Gründung einer deutschen Epidemiologie und verhinderte auch die Weitergabe des Wissens aus der damaligen Rauchforschung.

Proctor zieht eine aktuelle DKFZ-Broschüre aus dem Aktenschrank und hält sie mit spitzen Fingern vor sich hin. 25 Seiten mit Kapiteln wie Forschungsschwerpunkt Krebsrisikofaktoren und Krebsprävention, viele technische Aspekte, aber das Wort von Tabak und Rauchen kommt nicht einmal darin vor. "Das wäre in der Nazizeit nicht möglich gewesen", sagt Proctor, obwohl er weiß, dass so ein Satz in deutschen Ohren schmerzt. Wie könne sich das Institut "Krebs"-Forschungszentrum nennen, wo es die Hauptursache für vermeidbaren Krebs, das Rauchen, nicht einmal erwähne? Die harte Antiraucherkampagne, die das DKFZ unter anderem mit der Aufklärungspostille blauer dunst führt, geht ihm nicht weit genug.

Proctors Kampf für Gerechtigkeit treibt ihn immer wieder in Brennpunkte politischer Auseinandersetzungen. Als junger Mann lernte Proctor an der Harvard University Wissenschaftsgeschichte bei Stephen J. Gould, dem weltbekannten Evolutionsbiologen. Zusammen brachen sie eine Lanze für die Gleichberechtigung der Frauen in der Wissenschaft, klagten die Unfähigkeit der Wissenschaft im Kampf gegen den Hunger der Dritten Welt an, dozierten über die verwerfliche Militarisierung der Wissenschaft, über die amerikanische Rassismus- und Eugenikbewegung.