Das Plenum des Deutschen Bundestages wird sich bald - nach einem Beschluss des Ältestenrats - mit einer Installation befassen, die der Künstler Hans Haacke für den nördlichen Innenhof des Reichstagsgebäudes entworfen hat. Seit Wochen wird mit wachsender Bitterkeit um die Frage gestritten, ob Haackes Konzept, im Auftrag des Kunstbeirates erarbeitet, "verfassungswidrig" sei. So urteilt ein Rechtsgutachten, das die Gegner des Projekts, mehrheitlich aus der Unionsfraktion, in Auftrag gegeben haben.

Haacke spielt mit symbolisch aufgeladenen Materialien: Ein riesiger Holztrog von 21 x 7 Metern soll von den Abgeordneten mit Erde aus ihren Wahlkreisen gefüllt werden, auf dass im Lichthof sprieße und gedeihe, was auch immer der Heimatboden berge. Man konnte Wetten darauf abschließen, dass diese kalkulierte Provokation die unvermeidlichen Assoziationen von Bodenmythologie, Brauchtum, Sitte und Geopolitik hervorrufen würde. Antje Vollmer, die Bundestagsvizepräsidentin, tat Haacke den Gefallen, das Konzept und also den Künstler ideologiekritisch in die rechte Ecke zu stellen. Damit war das beliebte Spiel von Verdächtigung und Rechtfertigung eröffnet: Haacke-Befürworter erklärten, der Künstler wolle die deutsche "Bodenmetaphysik", der man ihn bezichtige, ironisch brechen beziehungsweise dekonstruieren. Andere Gegner wiederum, allen voran Karl Feldmeyer in der FAZ, beschuldigten Haacke, dem deutschen Volk "die Selbstachtung und das Recht auf nationale Identität" zu verweigern, ja "ebendieses Volk zu negieren". Der Meister in New York wird diese Nachricht von seinen unerhörten Fähigkeiten nicht ungeschmeichelt vernommen haben.

Die Parlamentarier werden allerdings vom Artikel 3 des Grundgesetzes ohnehin wie jedermann in dessen Geltungsbereich verpflichtet, niemanden wegen seiner Herkunft, seines Glaubens, seiner Sprache et cetera zu bevorzugen oder zu benachteiligen. Die Vorstellung, dass sie durch das rituelle Entleeren eines Zentnersacks Mutterboden aus ihrem Garten in den Haackeschen Trog ihre Verfassungstreue demonstrieren, hat etwas verwegen Albernes. Kein Wunder, dass sich nun auch viele der Sache verweigern, die nicht zur Panik in Identitätsfragen neigen. Haacke ist offenbar nicht mehr in der Lage, zu sehen, dass er ins Lächerliche zieht, was er erklärtermaßen bekräftigen will. Die demagogischen Argumente seiner Gegner beantwortet er nun seinerseits mit Diffamierung: Die Kritik an der Widmung seines Werks vergleicht er mit der Regierungsbeteiligung der Haiderschen Partei in Österreich, und die drohende Ablehnung seines Kunstwerks durch den Bundestag sieht er als Zeichen der Abkehr "von einem der wichtigsten Artikel des Grundgesetzes" - dem erwähnten Antidiskriminierungsartikel. Seine Widmung hingegen, schreibt Haacke, "würde klarstellen, dass der Bundestag das deutsche Volk auf keinen Fall im Sinne einer ,völkischen' Interpretation verstanden wissen will".

Wir wären allerdings schlimm dran, wenn der Bundestag auf Hans Haacke angewiesen wäre, um dergleichen "klarzustellen". Das deutsche Volk, von dem der Bundestag seine Legitimation bezieht, ist nicht als ethnische Gemeinschaft definiert, sondern als Staatsbürgernation - die sich übrigens soeben, was dem Künstler entgangen zu sein scheint, ein neues Staatsbürgerschaftsrecht gegeben hat, das die Einbürgerung von Ausländern erheblich erleichtert. Wer eine weitere Liberalisierung will, kann sich nicht mit Hinweisen auf das völkische Denken bescheiden. Haacke aber gebraucht den Terminus des "Völkischen" nur zur Einschüchterung seiner Gegner. Er wird mit dieser Strategie politisch-moralischer Nötigung auch Wohlgesinnte gegen sich aufbringen.

Seine Arbeit, sagt er, solle dazu dienen, dass wir uns der "historisch belasteten Doppeldeutigkeit der Reichstagsinschrift bewusst werden. Die rassistische Definition, wer zum deutschen Volke gehört, fordert auch heute noch Menschenopfer." Solche schnellen Assoziationen von der Reichstagswidmung zum Skinhead-Mord sind das Symptom eines enthistorisierten Bewusstseins, das die Ambivalenzen der Geschichte zum Verschwinden bringt.