Was für ein Potenzial! Wahrscheinlich kann im Moment wirklich nur Wolfgang Hilbig den Leser mit Sprache, mit seinen Satzperioden und Paraphraseschüben in einen derartigen Rauschzustand versetzen - ohne gegen die Wiedererkennungs- und Abbildungsvereinbarungen des Realismus zu verstoßen. Ein Satz steigert, radikalisiert sofort den nächsten, ein Gedanke jagt den anderen, und immer wirkt es, als könnten es auch drei, vier, fünf Sätze sein, die da explodieren.

In der DDR war der 1941 in Meuselwitz bei Leipzig geborene Hilbig, dessen Lyrik und Prosa im Westen veröffentlicht wurde, ein kompletter Außenseiter. In der DDR-Literatur ebenso. Mit dem melancholisch-skeptischen Subjektivismus Christa Wolfs hatte seine Arbeit so wenig zu tun wie mit den Geschichtsparabeln Heiner Müllers und den Experimenten der Leute vom Prenzlauer Berg; von der linientreuen Kunst ganz zu schweigen. Hilbigs Werk ist schwer einzuordnen. Die Verwandtschaft mit Kafka liegt auf der Hand, auch die Orientierung an der europäischen, zumal der französischen Moderne. Wobei der Weg, auf dem Wolfgang Hilbig sich diese Tradition erschloss, eigentlich ein Rätsel darstellt. Denn ein Außenseiter ist er auch durch seine Biografie. Hilbig, der nie einem literarischen Kreis angehörte, nie ein Literaturinstitut von innen sah, war bis 1980 Industriearbeiter und blieb auch danach als Schriftsteller eine einzelgängerische Erscheinung.

Unübersehbar ist auch, dass sich Hilbig im Lauf der Zeit der unmittelbaren Wirklichkeit annähert. Man könnte das Provisorium ja ablaufen und abfahren und würde vermutlich alles an seinem Platz finden, aber nur in einer sehr blassen Form. Auf der Station des Münchner Klinikums wird es so durchschnittlich und unangenehm zugehen wie überall, wo Alkoholiker und Drogenkranke durch den Entzug geschleift werden. Aber bei Hilbig stellt sich das Stationsleben - auf ein paar literarisch hochgradigen Romanseiten - als alttestamentliches Inferno dar, in das sich Züge einer modernen Folterkammer mischen. Oder das "Pressecafé" am Bahnhof Zoo, dieses abgestandene Etablissement mit seinen ermüdeten Gästen und Speisen. Wenn sich Wolfgang Hilbigs Fantasie dort umtut, entsteht eine Vorhölle, deren Hauptzweck darin besteht, den Besucher auf die masturbatorischen Qualen in den schwarzen Messen der Pornografie einzustimmen, die in den umliegenden Peep-Shows und Sex-Shops abgehalten werden.

Orte, Räume und Figuren führen bei Hilbig ein aus Empirie und Halluzination zusammengesetztes Doppelleben. Seit jeher operiert der Schriftsteller mit Gegen-, mit Ober- und katakombischen Unterwelten. Je weiter Hilbigs Helden auf der nach unten offenen Skala der Verwahrlosung und Identitätsauflösung absacken, desto halluzinatorischer wird ihr Blick auf die Welt.

Es liegt nahe, das Provisorium als einen Schlüsselroman zu lesen; verfasst mit der wuchtigen Energie des Bekenntnishaften. Denn es spricht nichts dagegen, dass C., welcher im übrigen auch in Hilbigs 1989 erschienenem Roman Eine Übertragung so hieß, niemand anders ist als Wolfgang Hilbig persönlich, der selbst Mitte der achtziger Jahre in die Bundesrepublik kam. Es spricht auch nichts dagegen, anzunehmen, dass sich die im Provisorium geschilderte Persönlichkeitskrise, die dem Staatenwechsel folgte, mehr oder weniger genauso abgespielt hat.

Mit bösem Blick und hoher polemischer Geschwindigkeit

Aber die Sache mit dem Schlüsselroman liegt komplizierter. Auf den zweiten Blick ist C. eine genuine, nur im Reservat der Literatur existenzfähige Kunstfigur. Eine Figur, die sich in einer beständigen dialektischen Doppelbewegung befindet, die komplett regrediert und zugleich in einem riesigen Sprachanfall über sich hinauswächst, die unter dem Dauereinfluss von Alkohol als bürgerliches und biologisches Wesen wegschrumpft, dabei aber über ein immer böseres und schärferes Instrumentarium der Erkenntnis verfügt. Solche Säufer, die sich im vorletzten Stadium noch auf der Höhe ihres Erinnerungsvermögens, ihrer geistig-sensiblen Beweglichkeit und polemischen Geschwindigkeit bewegen, kennt die Wirklichkeit eher selten. Wolfgang Hilbig hat wohl auch der erzählerischen Plausibilität zuliebe seinen Romanbericht, wiewohl dieser einem Ichmonolog sehr nahe kommt, in die dritte Person gesetzt. Ein Veränderter blickt auf sich selbst zurück und nennt sich "er".

Aber seltsamerweise ist es gerade diese Schonungslosigkeit, die der vermeintlich autobiografischen Offenheit entgegensteht. Hilbigs Roman (genau genommen sein ganzes Werk) gehört zur Literatur des bösen Blicks. Er entwickelt sich nach den Regeln einer Tabula-rasa-Ästhetik, bei der am Ende von der Welt, von der östlichen wie von der westlichen, nichts nennenswert Positives übrig bleibt. Die Mittel dieser Ästhetik sind die Früchte, die in den Gewächshäusern der Übertreibungskunst gedeihen. Und es sind Mittel, die, da sie der Stilisierung dienen, die Privatheit des Autors nur scheinbar bloßlegen, tatsächlich aber kaschieren. Das Schauspiel, das sich auf der vermeintlich authentischen Lebensbühne des Romans abspielt, ist als Kunststück so effektvoll, dass der Blick des Zuschauers, anstatt die Figur Hilbigs immer voyeuristischer zu vereinnahmen, immer mehr von ihr abgleitet und an dieser Wahnsinnsfigur namens C. hängen bleibt.

Zunächst scheint das Visum nichts anderes denn den Glücksfall der Bewegungsfreiheit darzustellen. Zumal es C. ermöglicht, sich aus der Lebensgemeinschaft mit einer Leipzigerin zu schleichen, in der es ihm schon seit geraumer Zeit mulmig ist. Der Glücksfall gerät zur Katastrophe einer Totalkonfusion. Keinen Tag kommt C. in den Genuss der Rolle eines so genannten Bewohners oder auch nur Kenners zweier Länder. Er ist ein haltloser Passagier seiner Existenz. Kopflos rast er zwischen Hanau, Nürnberg, Leipzig, München und Berlin herum. Bahnhöfe, Bahnhofspelunken werden seine bevorzugten Herbergen, während sein Ekel vor dem Ideologiewahn seiner ersten Heimat, der DDR, und dem Konsum-, Waren- und Fetischirrsinn der zweiten Heimat Bundesrepublik ("Kaufen macht frei") ins Himmelhohe wächst. Sämtliche Koordinaten, die ein Mensch für die großen Dinge der Identitätserhaltung und die kleinen Dinge der Alltagsbewältigung braucht, brechen ein, bis zur Ununterscheidbarkeit von Tages- und Nachtzeiten.

Dass C. in Nürnberg eine mit der Vehemenz der Amour fou einsetzende Liebesgeschichte beginnt, macht alles nur noch schlimmer. Nicht nur, weil er sich nun außer zwischen zwei Ländern auch zwischen zwei Frauen befindet, sondern vor allem, weil er sich im Sumpf der Ambivalenzen schon viel zu sehr verloren hat, um die Ansprüche der Liebe ertragen und erfüllen zu können. Sehnsucht und rabiater Fluchtinstikt sind bei ihm eins.

Die Schuld am Scheitern der Nürnberger Liebe ist allerdings auschlaggebend für das Tribunal, dem C. sich als sein eigener Ankläger mehr und mehr stellt. Die Attacken gegen die gesellschaftlichen treten in der zweiten Romanhälfte hinter das Entsetzen über die eigenen Lebensverhältnisse zurück. Was die Zumutungen der Politik, das Fegefeuer des Literaturbetriebs, der Lesungen und Lesereisen, die Frauenprobleme an C.s Zustand noch nicht vollendet haben, besorgt die Selbstzerstörung. Als 1989 die Mauer fällt, flimmert das Jahrhundertereignis nur noch verschwommen am Aufmerksamkeitsrand seiner Trance.

Ein gelungener Roman? Nicht unbedingt. Mancher Satz ist etwas fahrig, die Erzählerposition sitzt nicht ganz, manche Themen verschwinden spurlos, andere kehren ohne sichtbaren Gewinn immer wieder, und so wäre vielleicht noch das eine oder andere einzuwenden. Nur wären das Einwände eines literarischen Perfektionsverständnisses, das die Vehemenz des Buchs verfehlt. Die Stärke der Kunst des Nichtperfekten, die ja Tradition hat, liegt in dem Abstand, mit dem das Gesamtbild die Summe der Teile überragt. Und es gibt in dem Roman Das Provisorium Sentenzen, die in der deutschen Gegenwartsliteratur vergleichslos sind. Sie prägen das Gesamtbild - das Bild einer Passionsgeschichte verzweifelter Mitteilungen aus einer politisch vergangenen, zeitlich und psychisch aber noch sehr nahen Zeit.

Was sind acht Jahre BRD gegen vierzig Jahre DDR?

Wie immer bei Wolfgang Hilbig spielt sich die Geschichte einer Verwahrlosung in der Form einer buchstäblichen Versumpfung ab. C. wird vom Alkohol regelrecht aufgeweicht. In Hilbigs gesamtem bisherigen Werk, angefangen mit dem Gedichtband Die Abwesenheit aus dem Jahr 1979, wo mehrmals vom "klebrigen Brei" die Rede ist, bis zu dem Roman Ich, in dem eine Wohnung von Babynahrung geflutet wird, spielen Schlamm-, Brei- und Schleimsubstanzen aller Art eine gewichtige Rolle.

Nur schwappten diese für Hilbig typischen Materien bislang durch eine DDR-Welt. Im Provisorium befasst sich der Schriftsteller zum ersten Mal ausführlich mit der Bundesrepublik. Und sie ist spürbar nicht das Land, in dem er groß, in dem er Schriftsteller wurde, nicht das Land, das ihm an erster Stelle als poetischer Echoraum zur Verfügung steht. "Was sind acht Jahre Bundesrepublik gegen vierzig Jahre DDR", äußerte Hilbig 1991 in einem Gespräch, um auf die Proportion zwischen seiner Biografie und dem literarischen Stoff seiner Bücher aufmerksam zu machen. Inzwischen sind es schon fünfzehn Jahre, die Hilbig an Westerfahrung zur Verfügung hat.

Aber um die Quantität geht es nicht, sondern um die literarisch relevante Qualität. Die Lehrjahre der Imagination hat Hilbig in der DDR verbracht. Und was verdankt Hilbig dieser DDR, die literaturpolitisch so hart mit ihm verfuhr, literarisch nicht alles, ihrem labyrinthisch-enigmatischen Machtapparat, ihrer paranoiden Ein- und Ausgrenzung, vor allem aber der ständigen irrealen Verzerrung, die Hilbig genial als Antriebswelle seiner Visionen, Obsessionen und Halluzinationen zu nutzen verstand?

Allerdings haben sich Hilbig und sein Erzähler in Anhänglichkeit an das manichäische Staaten- und Denksystem offensichtlich vorgenommen, ihre Schmähreden so gerecht an beide deutsche Staaten zu verteilen wie eine Mutter Geschenke und Strafen an ihre Kinder. Wenn von der abgrundtiefen Dummheit des einen Staates die Rede ist, dauert es nur eine Buchseite, bis die absurde Blödheit des Nachbarstaates zur Sprache kommt. Von einem Text, der seine Kraft der Kunst des Übertreibens und einer systematischen Ungerechtigkeit verdankt, sticht diese Ausgewogenheit als Fremdkörper ab.

In dem Roman Ich zeigte Wolfgang Hilbig zwei Gebilde, die Dichtkunst und die Stasi-Spitzelei, bei ihrer gegenseitigen Unterwanderungspolitik. Dieser intellektuelle Coup gelingt ihm mit den Gebilden DDR und BRD nicht. Aber die Tatsache, dass es sich beim Provisorium um ein ungeheures Erzählwerk handelt, kann diese Einschränkung nicht erschüttern. Wer diesen Roman liest, der begreift, wie naiv es war, von der Wiedervereinigung ein Ende der deutschen Teilung zu erwarten.

Wolfgang Hilbig:Das Provisorium Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2000; 319 S., 39,80 DM