Toyota-Prosa – Seite 1

Die "gehobene Unterhaltung" und das "intelligente Erzählen" sind die literarischen Krankheiten dieser Jahre. Nachdem die deutsche Literatur lange Zeit die Avantgarde von vorgestern kopiert und endlich einen Großteil ihrer Leser vertrieben hatte, ist nun im Gefolge des so genannten neuen Realismus auch das "Blumige", die Floristenprosa, wieder gefragt.

Ein Bedürfnis, das existiert, wird früher oder später auch bedient. Denn wo es Menschen gibt, die sich zwar für Literatur nicht interessieren, die aber dennoch "gerne lesen", da finden sich bald Autoren, denen ihr Metier zwar egal ist, die aber "gerne schreiben". Wenn sich die Bedürfnisse dieser Schreiber mit den Bedürfnissen jener Leser treffen, bekommen wir es mit Büchern zu tun, die "Schinken", "Schmöker" oder "Wälzer" heißen. Das wäre weder schlimm noch der Rede wert, wenn nicht immer mehr Verlage mit Vorliebe solche Bücher druckten und wenn nicht ein größer werdender Teil der Kritik sich immer nachsichtiger mit dieser Art Bücher befasste.

Robert Schneider ist nicht satisfaktionsfähig. Sein neues Buch müsste hier nicht erwähnt werden, würde es sich nicht um ein Phänomen handeln und damit um ein Beispiel, das der Betrachtung wert ist. Es spricht einiges dafür, dass dieser Schriftsteller zwar nicht böswillig, dass er aber dumm ist, dass er zu jenen gehört, die sich mit Stolz "freie Autoren" nennen und schon damit den ersten Schritt in die Unfreiheit getan haben. Weil sie es versäumen, über die Zwänge, unter denen sie arbeiten, nachzudenken, können sie sich von ihnen nicht frei machen. Dass Autoren frei sind, das heißt vor allem: Sie sind Opfer ihrer Programmierungen und Zuträger auf dem freien Markt des Zeitgeistes. Ohne es zu merken, werden sie zu ihren eigenen Hintermännern. Die einen werden staatstragend, die anderen schielen nach den Kriterien des tonangebenden Feuilletons, und die dritten bedienen den Geschmack der Menge, der sich mit dem je eigenen ja durchaus decken kann.

Gebeten, eine "gerechte" Besprechung des neuen Romans von Robert Schneider zu schreiben, sieht sich der Rezensent bereits nach den ersten Seiten in die Rolle des Scharfrichters genötigt. Denn sogleich wird er einer so besinnungs- wie bedenkenlosen Sprache ausgesetzt, die mehr Gelächter als Kritik provoziert. Noch hat die Geschichte nicht begonnen, schon "lauerte" der Friede ein erstes Mal, schon sind die Berge "vergangen", und die kleine Heldin Antonia hat sich in einer Landschaft "vorgefunden". Was bleibt dem Mädchen da noch anderes übrig, als zu singen, mit "einer Fülle, die immer leuchtender wurde, ohne laut zu sein". Man wünschte sich sehr, es würde in diesem Buch ein einziges Mal einfach nur gegangen, doch hier wird stattdessen "gestapft", "gestiefelt", "gestelzt" "geschritten" und einmal sogar "gefüßelt". Hier dürfen die Leute nicht einfach fühlen oder glauben, hier "dünkt" ihnen dauernd, hier müssen sie sich ständig "wähnen". Selbst eine Impression darf nicht bloß Eindruck machen, sondern es muss in sie "gestolpert" werden, und das, kurz nachdem "eine wahre Fundgrube an Tönen und Geräuschen" "entdeckt" wurde. Hätte nur gefehlt, dass sie gefunden worden wäre, die Fundgrube. Es gibt eine "dioptriengeschwängerte Brille" und "quartergroße" Schneeflocken (quadergroß?), jemand ist "innerlich gerührt" (wie auch sonst?), bevor er seinen "Gedankenblitz nicht voll erstrahlen" (oder erblitzen?) lassen kann.

So geht das Stilblüte um Stilblüte. Der Autor schreibt mehr, als er denkt. Seine Sätze schlenkern, schwelgen, fuchteln in Räumen, die er zuvor nicht abgemessen hat. Er will Wirkung erzielen, bevor er überlegt hat, was er sonst noch will, und so zwingt er seine Figuren unausweichlich zu den absonderlichsten Verrenkungen: Alma "umhalste ihren Gatten mit strahlenden Augen ... Bald brachen die Körper ineinander wie schwer sich wälzende Gewitterwolken ... Er stürzte seinen Mund auf ihre kleinen Brüste." Toyota-Prosa: Nichts ist unmöglich.

Das kommt mimetisch daher, das will scheinbar nur davon erzählen, was passiert ist und gefühlt wurde, und vernichtet doch mit jedem Satz die Wirklichkeit. Statt den Gegenstand frei zu räumen vom Ballast der Konvention, sucht der Autor die abgelegensten Adjektive, um zielsicher beim nächsten Klischee zu landen. Statt zu evozieren, behauptet er. Statt präzise zu sein, ist er preziös.

Und was ist mit der Geschichte? Vielleicht haben wir es ja mit einem jener Schriftsteller zu tun, die zwar nicht erzählen können, aber immerhin etwas zu erzählen haben? Doch nein, was für eine Story! Tragödien über Tragödien, Schicksale über Schicksale. Blutige Geburten, blutige Morde, blutige Leidenschaften. Und wir stehen fassungs- und verständnislos davor. Mal lieben sie sich, dann wieder nicht, dann wieder doch. Da es zu viel Mühe gemacht hätte, jeder Figur eine eigene Psychologie zu geben, müssen alle Entscheidungen "jäh", "plötzlich" oder "mit einem Mal" getroffen werden. Die Ursachen dieser Wendungen sind dann ganz tief innen oder ganz hoch oben zu suchen, an Orten jedenfalls, die für uns Verstandesmenschen kaum zugänglich sind. Und so lernt man schnell, in diesem Buch mit allem zu rechnen, außer mit Folgerichtigkeit. Wo ein Detail gefordert ist, weicht Schneider ins große Ganze aus, und wenn ihm die Geduld zur Präzision fehlt, behilft er sich mit dem Ungefähren und verrät jede seiner Figuren, an deren Seelen ihm angeblich so sehr gelegen ist, an die Kolportage.

Toyota-Prosa – Seite 2

Mutete Die Luftgängerin noch an, als habe ein betrunkener Peter Handke versucht, Hermann Hesse zu parodieren, so liest sich der neue Roman, als versuche der tote Hermann Löns den lebenden Patrick Süskind zu plagiieren. Ach was, dieses Buch entzieht sich jedem Vergleich, es ist ein Solitär des Versagens.

So ist das: Wer Gerechtigkeit für diesen Autor fordert, beschwört das schlimmste Urteil herauf. Ab sofort muss es heißen: Gnade für Robert Schneider!

Robert Schneider:Die Unberührten

Roman; Knaus Verlag, München 2000; 256 S., 38,- DM