Der Hang zur Vergewaltigung steckt den Männern in den Genen. Ihre Gewaltakte gegen Frauen - bevorzugt gegen Frauen im gebärfähigen Alter - sind ein Produkt, ja sogar ein Werkzeug der Evolution. Denn Vergewaltigung bedeutet vor allem Sex und damit Fortpflanzung. Mit diesen Thesen sorgen derzeit zwei Buchautoren in den USA für gewaltige Aufregung. A Natural History of Rape , geschrieben von dem Biologen Randy Thornhill und dem Anthropologen Craig T. Palmer, erscheint am 1. März auch auf dem europäischen Markt (MIT Press; 272 S., 28.95 Dollar). Auf öffentliche Auftritte oder Lesereisen wollen die Autoren jedoch verzichten. Sie fürchten um ihre "persönliche Sicherheit".

Der Eklat um die Publikation ist der vorläufige Höhepunkt im Theorienstreit zwischen Soziologie und Soziobiologie. "Soziologen halten Kultur - von Essmanieren bis zur Sprache - für eine rein menschliche Erfindung. Folgt man dieser Sichtweise, sind die Begierden von Männern und Frauen erlernte Verhaltensweisen. Eine Vergewaltigung geschieht nur, wenn Männer lernen, zu vergewaltigen", schimpfen Thornhill und Palmer anlässlich einer Vorveröffentlichung ihrer Thesen in der Januarausgabe des New Yorker Forschungsmagazins The Sciences . "Soziobiologen dagegen betonen, dass erlerntes Verhalten und jede andere Form von Kultur das Ergebnis psychologischer Anpassungen ist, die sich über lange Zeit entwickelt haben." Wie die Flecken des Leoparden oder der lange Hals der Giraffen sei Vergewaltigung das Resultat von "Äonen Darwinistischer Selektion".

Die natürliche Auslese kann die Vergewaltigungsgene nach Ansicht der Forscher auf zweierlei Weise ins männliche Erbgut geschmuggelt haben. Der an der University of New Mexico lehrende Biologe Randy Thornhill neigt zu der Annahme, Vergewaltigung sei eine während der menschlichen Stammesgeschichte begünstigte Spezialisation, die Männern dazu verhalf, weit mehr Kinder in die Welt zu setzen, als ihnen friedfertiges Werben eingebracht hätte. Und eben weil sie sich erfolgreich fortgepflanzt hätten, sei auch die genetische Grundlage dieses Verhaltens erfolgreich verbreitet worden. Der Anthropologe Craig T. Palmer von der University of Colorado dagegen glaubt, die Prädisposition des Mannes zur Vergewaltigung stelle nur einen evolutionären Unfall dar. Seine genetische Veranlagung zur Promiskuität, sein evolutionär bedingtes Aggressionspotenzial, seine biologisch sinnvolle rasche sexuelle Erregbarkeit ergeben für Palmer jene verhängnisvolle genetische Konstitution, die auch die Gewalt gegen Frauen letztlich evolutionstheoretisch erklärbar macht.

Wenn es jedoch um die richtige Prävention geht, sind sich die beiden Forscher wieder einig. Die Evolutionstheorie soll helfen, die fatalen Schwächen der soziologisch motivierten Aufklärungs- und Schutzkampagnen auszugleichen. Der Mann müsse seine Begierden nur richtig - also im stammesgeschichtlichen Kontext - verstehen lernen, dann könne er sie auch besser beherrschen. "Die jungen Männer sollten lernen, dass die Darwinistische Selektion der Grund dafür ist, dass sie schon durch den Blick auf das Foto einer nackten Frau eine Erektion bekommen können." Frauen hingegen könnten endlich der feministischen Irrlehre abschwören, ihre sexuelle Attraktivität habe keinen Einfluss auf mögliche Vergewaltiger. "Sie sollten darauf hingewiesen werden, dass die Art, in der sie sich kleiden, ein Risiko darstellen kann."

Thornhill und Palmer werden jetzt heftig attackiert. Der provozierende Vorabdruck in The Sciences sei eine wohl kalkulierte Skandalisierung und diene nur dazu, dem Buch eine gewinnversprechende Auflage zu bescheren. Dennoch hallt nun in den USA ein Aufschrei der Empörung von Küste zu Küste. Feministinnen, Sozialwissenschaftler und Vergewaltigungsopfer laufen Sturm gegen ein in ihren Augen engstirniges biologistisches Machwerk. Sie fürchten einen Roll Back in jene finsteren Zeiten, als Vergewaltiger vor Gericht noch meistens straffrei ausgingen. Erst seit den siebziger Jahren hat sich an Universitäten, Gerichten und in den Medien erfolgreich die Auffassung etabliert, Vergewaltigung stelle einen Gewaltakt dar, mit dem der Aggressor Macht über das Opfer ausüben wolle. Es gehe also nicht um Sex, geschweige denn um Fortpflanzung, sondern um die brutale Demonstration männlicher Überlegenheit.

"Vergewaltigung ist ein Verbrechen, das mit der Aggression junger Männer und der gesellschaftlichen Einstellung zu tun hat, die es für einen coolen Machoakt hält, sich Frauen sexuell gefügig zu machen", sagt Susan Brownmiller. Die berühmte amerikanische Frauenrechtlerin hatte entscheidenden Anteil am Wandel im Umgang mit Vergewaltigern. Ihr Buch Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft hatte 1975 die Freudsche Annahme demontiert, keine Frau könne gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr gezwungen werden. Jetzt befürchtet sie wie viele andere Kritiker, die soziobiologische Theorie könne Vergewaltigern zu einem milderen Urteil oder gar zu einem Freispruch vor Gericht verhelfen.

"Die Wissenschaft bezieht keine Stellung zu der Frage, was Recht und was Unrecht ist", versucht Randy Thornhill sich zu verteidigen. Doch auch unter Soziobiologen sind die Thesen des Autorenduos umstritten. "Das Buch ist konfus, wissenschaftlich schwach und naiv", sagt Jerry Coyne, Professor für Evolutionsbiologie an der University of Chicago.